Eine Chance für „Die Chance“ in Chorweiler?

Veröffentlicht: 17. Juni 2009 in Köln, Umweltausschuss

Die „Arbeitskonferenz zur Verbesserung der Beschäftigungssituation arbeitsloser und von Arbeitslosigkeit bedrohter junger Menschen unter 25 Jahren in Köln“ (kurz: U 25-Konferenz) befasste sich im Auftrag der Stadt Köln in den letzten 2 Jahren mit der Analyse des Förderbedarfs und mit Vorschlägen zur Verbesserung der Situation junger Menschen. Dabei wurden Arbeitsgruppen gebildet, deren Ergebnisse als Grundstock für ein Projekt „Die Chance“ in Chorweiler dienen, welches junge benachteiligte Menschen in der Übergangszeit zwischen Schule und Beruf effektiv unterstützen soll. Schwerpunkte bei der Umsetzung des Vorhabens sind zum Einen die Fokussierung der Arbeit auf die gesundheitliche Konstitution der jungen Menschen und zum Anderen ein Konzept zur Vernetzung der „regionalen Akteurinnen und Akteure des Bildungs- und Arbeitsmarktes“.

Hierzu stellte die Arbeitsgruppe „Gesundheit“ im Rahmen der U 25-Konferenz eine Reihe von Thesen auf, die sich mit körperlichen, seelischen und geistigen Eigenschaften von jungen Menschen unter 25 Jahren befasst, „die mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes kollidieren.“ Hauptthese dabei ist, dass sich die gesundheitlichen Probleme der jungen Menschen von akuten zu chronischen Krankheiten und von körperlichen zu seelischen Störungen entwickelt hätten. Ursache hierfür seien soziogene Störungen in der Entwicklung der jungen Menschen. Faktoren, die zu diesen Störungen führten, seien die äußeren Lebensumstände (z. B. niedriger sozialer Status, Armut, schlechte Wohnverhältnisse usw.) und soziale Interaktionen (zu Eltern, Angehörigen, Freunden usw.). Aus gesundheitlicher Sicht seien die Ursachen dafür, dass junge Menschen schlechtere Chance hätten, einen Einstieg ins Berufsleben zu finden, bei ihnen selbst oder in ihrem sozialen Umfeld zu suchen. Platt gesagt: Schuld an der schlechten Zukunfts-Perspektive der Jugendlichen sind sie selbst, weil sie krank sind und/oder ihr soziales Umfeld, weil es sie nicht unterstützt.

Die Arbeitsgruppe führte eine Untersuchung durch, die jedoch weder repräsentativ noch hinreichend theoretisch begründet ist, mit dem Ergebnis, dass jugendliche Hauptschüler in Chorweiler unter massiven gesundlichen Einschränkungen leiden (v. a. geistige und psychische Störungen). Die Ursachen hierfür seien in der soziogenen Entwicklung der Jugendlichen zu sehen.

Auf der anderen Seite wurde eine Netzwerk aufgebaut, was im Laufe des Folgesprojekts weiter ausgebaut werden soll, dem Behörden (z. B. ARGE, Schulamt, Jugendamt), Kammern, wirtschaftliche, pädagogische und soziale Einrichtungen und Träger angehören. Dieses soll durch die Tätigkeit des Büros „die Chance“ in Chorweiler koordiniert werden, während ein Interventionskonzept für junge Menschen unter 25 Jahren zur Verbesserung ihrer Beschäftigungssituation umgesetzt wird.

Gut gemeinter Ansatz mit hohem Missbrauchspotential

In der theoretischen Grundlage für die Umsetzung der „Chance“ in Chorweiler werden statistische Analysen verwendet, in denen Zusammenhänge zwischen sozialem Status, ethnischer Herkunft und schulischem Erfolg unter gesundheitlicher Perspektive dargestellt werden. Bei den meisten dargestellten Studien, auf die die Forscher sich beziehen wird nicht klar, um welche Art von Zusammenhängen die Rede ist (korrelative oder kausale). Beziehen sich die Forscher auf die PISA- oder BELLA-Studie ist ganz klar von korrelativen Zusammenhängen die Rede: die Studien beschreiben die Situation, erklären sie aber nicht. „Korrelativ“ beschreibt die numerische Nähe einer Variablen zur nächsten. Beispiel: es besteht ein korrelativer Zusammenhang zwischen sozialem Status und Schulerfolg. Je besser ein Schüler sozial gestellt ist, desto besser auch sein Schulabschluss. Diese Aussage ist statistisch nicht aussagekräftiger als die hohe Korrelation zwischen Brot und Amoklauf, denn alle Amokläufer haben in der Vergangenheit irgendwann Brot gegessen. In beiden Fällen ist nicht die Rede von Ursache und Wirkung.

Unterstellt man der Arbeitsgruppe „Gesundheit“ hinreichende theoretische und statistische Genauigkeit, bleiben dennoch u. a. drei große Mängel an den Konzept der „Chance“ bestehen: die Gewährleistung des Datenschutzes, die Finanzierung des Projekts durch die ARGE und die komplette Vernachlässigung des Schulsystems als Ursache für die Benachteilgung der jungen Menschen.

Durch die Vernetzung der Behörden (z. B. ARGE, Schulamt, Jugendamt), Kammern, wirtschaftlichen, pädagogischen und sozialen Einrichtungen und Trägern ist ein Datenaustausch von Informationen über die jungen Menschen vorgesehen und damit eine Entbindung vom Datenschutz durch die Betroffenen unausweichlich. An dieser Stelle entsteht ein nicht zu verachtendes Missbrauchspotential. Dieses ist auf Basis des Konzepts zum Projekt, wie es den Entscheidungsträgern zugänglich ist, weder kontrollierbar noch für die ferne Zukunft abschätzbar.

Höchstproblematisch ist die Finanzierung des Projekts durch erhebliche Mittel der ARGE Köln zu beurteilen. Die ARGE Köln definitiert die Erfolge der Reduzierung der Bedürftigkeit mit der numerischen Reduzierung der bewilligten Leistungen. Das heißt, je weniger Leistungen in Anspruch genommen werden, desto geringer wird auch die Bedürftigkeit der Betroffenen eingeschätzt. Dabei wird nicht davon gesprochen, wie die Betroffenen bei der Antragstellung ihnen zustehender Leistungen behandelt werden, damit sie gar nicht erst wieder kommen. Mit welcher Härte und Rücksichtslosigkeit die ARGE Köln gerade bei jungen Menschen die „Hilfebedürftigkeit reduziert“, ist nachweislich belegt und schon durch einen kurzen Besuch in der ARGE Mülheim Abteilung U 25 auch spürbar.

An dritter Stelle ist der wichtigste Kritikpunkt am Konzept der „Chance“ in Chorweiler zu nennen. Die Entwickler des Konzept berücksichtigen keinen Moment die katatrophalen Zustände an Kölner Schulen und insbesondere an Hauptschulen bedingt durch rudimentäre personnelle und materielle Ausstattung. Hier werden die Pädagogen und Eltern mit den Problemen der Schüler allein gelassen. Dass an dieser Stelle massiver Handlungsbedarf besteht, ist bekannt. Ein gut gemeintes Projekt wie „die Chance“ stellt nichts weiter als einen Tropfen auf den heißen Stein mit hohem Potential zur weiteren Stigmatisierung der Betroffenen dar, solange keine Ressourcen in unser Schulsystem investiert werden.

Keine Chance für „die Chance“!

Der Ansatz zur Verbesserung der Beschäftigungssituation arbeitsloser und von Arbeitslosigkeit bedrohter junger Menschen unter 25 Jahren in Köln ist weder ein innovatives noch revolutionäres Konzept. Unter Berücksichtigung der dargestellten Ergebnisse der U 25-Konferenz macht eine Weiterführung dieser Arbeitskonferenz nur Sinn, wenn vorhandene Konzept zur Verbesserung des Schulsystems angewendet und weiterentwickelt werden. Eine Einrichtung eines Büros „Die Chance“ ist unter Trägerschaft oder Mitbeteiligung der ARGE Köln abzulehnen, da gravierende Interessenskonflikte bei der Umsetzung der jeweiligen Zielsetzungen bestehen. Außerdem ist es fraglich, ob Jugendlichen im Büro „die Chance“, die passende Unterstützung finden können, damit sie tatsächlich die Chance auf einen „angemessenen Platz im Erwerbsleben“ erhalten. Die in der Beschlussvorlage für die Ratssitzung beantragten Gelder in Höhe von 183.724,00 € für das Jahr 2009 und 181.724,00 € für das Jahr 2010 könnten im Hinblick auf die Zielsetzung des Projekts beispielsweise besser in den sozialen Wohnungsbau oder in die Schulen investiert werden.

Literatur: Beschlussvorlage Nr. 0352/2009 und dazugehörige Beratungsunterlagen für die Sitzung des Rats der Stadt Köln am 26.03.2009

Einen Bericht zur Einführung des Büros legt die Verwaltung anlässlich des Ausschusses für Umwelt, Gesundheit und Grün am 18.06. vor

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