Archiv für die Kategorie ‘Wochenendzitat’

Eine kleine Leseempfehlung für die Urlaubszeit.

prolog

Köln 1388

Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen.
Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen.
Sie stand vor dem Petersportal, ohne Erinnerung daran,
wie sie hierhergekommen war.
Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich
herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub
wie ein schwarzer Trauerrand.
Du bist bei mir.
,.Ja, ich bin bei dir.., murmelte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie
nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem
Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele
verführen wollte.
In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in
den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit
jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört haue und ihm
gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht
und haue hier gestanden.
Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das
Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche
der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste
sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk
einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur
Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.
Irgendwann, so hauen ihr der Vater und der Bruder versichert,
würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes
klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer
Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein,
Jahr für Jahr.
Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem
Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie
der Möwen, die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen
Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.
Du bist bei mir, Anna.
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere
Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken
zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im
Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.
Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen
mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch
die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hauen gekocht und gebraten,
das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre
Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern
des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den
Gast, den sie morgen erwartete.
Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das
letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jah-
re? Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler
war seit Langem in alle Welt zerstreut.
Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem
er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine
Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag
feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch
heute lachen.
• Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister.., hatte er
gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten:
Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat
es mit Stolz.
Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen
hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche
Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und
auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in
den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die
Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des lebendigen.
Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und
den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von
der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen,
trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszü-
ge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem
Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große
Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.
Ich bin bei dir!
Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so
nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen
des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms
drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages
hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die
erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter
der Steinfiguren in ein graues Dunkel.
Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang
ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die
Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab,
bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder
sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens.
Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr
vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht.
Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?
Komm zu mir!
Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie
an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.
Erkenne mich!
Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in
dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt,
nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.
Erinnere dich!
Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr
die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den
Leib. Es riss an ihren Fesseln.
»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un
Moder nit mih heim. « Die Worte des Greven übertönten in ihrer
Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine
Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die
Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.
Sieh mich!
Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und
kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen
schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken
entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.
Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen.
Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung.
Und sie erinnerte sich an die Angst.
Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.
Und jetzt starb sie wieder.
Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr
Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.
»Du erinnerst dich an mich. «
»Ich erinnere mich an alles. «
»Ich war immer da. «
»Du warst bei mir. «
»Meine Liebe hat dich beschützt. «
»Wie konnte ich nur vergessen? «
»Das hast du nie. «
Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des
Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte
ihr seine Hand.

Das PORTAL
von Elke Pistor

Broschiert: 235 Seiten
Verlag: Emons; Auflage: 1., Aufl. (11. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3897058340
Preis: 9,90€

erhältlich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, wie beispielsweise

Buchhandlung für ausgesuchte Literatur Ulrich Klinger,
Rochusstr. 93
50827 Köln,
Tel.: 0221 / 530 46 58
e-mail: buchhandlung-klinger@netcologne.de
www.klinger.online.de
 
 obige Leseprobe als PDF

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1. lyrisches Programm

Veröffentlicht: 17. Juli 2011 in Lyrik, Persönliches, Wochenendzitat

Ich wurde jetzt schon mehrfach vor allem nach Sitzungen der Kalker Bezirksvertretung angesprochen, woher ich meine „poetische Ader“ habe. Ich wusste nicht, dass ich so etwas habe, aber das können andere immer besser beurteilen als man selbst. Tatsächlich bin ich auch von Freunden schon drei- bis zweimal angesprochen worden meine Texte doch auch mal zu veröffentlichen. Nun denn, da es insgesamt nicht für ein Buch reichen wird, man aber heutzutage durchaus selbst im weltweiten Netz veröffentlichen kann, wähle ich diesen Weg. Was läge also näher als meinen Blog mit ein paar Texten aufzupeppen, die so gar nichts mit Politik zu tun haben? Auch politisch Interessierte dürften ab und an mal etwas anderes lesen wollen. Wenn nicht, es wird ja auch niemand zum Lesen gezwungen.

Wenn Euch meine Texte gefallen, dürft Ihr sie gerne auch verbreiten (bitte MIT Quellenangabe). Wenn Sie Euch nicht gefallen, haltet einfach die Klappe.

In meinem ersten „lyrischen Programm“ hab ich auch etwas von anderen mit eingebaut, damit die Frage nach der Inspiration zumindest teilweise geklärt wird.

 

Urlaub im Urwald

Ich geh im Urwald für mich hin . . .

Wie schön, daß ich im Urwald bin:

Man kann hier noch so lange wandern,

ein Urbaum steht neben dem andern.

Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,

hängt Urlaub. Schön, daß man ihn hat !

Heinz Erhardt

 

Da es gerade für viele wieder aktuell ist auch zwei meiner Werke zum Thema.

Urlaubsvorbereitungen

Das ganze Land sich richtig freut,

denn es ist wieder Urlaubszeit.

Doch, oweh, was ist denn nun?

Ich kann nichts dagegen tun,

ich mach mir Sorgen und Gedanken:

werd’ ich mich im Urlaub zanken?

werd’ ich vielleicht Heimweh kriegen?

Wird Sehnsucht mich nach Dir besiegen?

Wie verbring ich meine Tage?

Wird gut sein auch die Wetterlage?

Wird’ ich wieder zu viel rauchen?

Kann ich das Internet gebrauchen?

Fragen, Fragen, noch mehr Fragen

Ich will mich nicht zu sehr beklagen.

Denn eins ist ohne Frage sicher:

Den Urlaub braucht er, der Herr Fischer

HP Fischer

 

Urlaubsvorbereitungen 2

Ich werde nicht vor Sehnsucht sterben,

Ich werd mir nicht die Haare färben,

werd nicht vor Einsamkeit vergehn

werd viele hübsche Frauen sehn

werd nicht ertränken mich im Meer

doch werd vermissen Dich schon sehr

werd Muscheln und auch Schnecken essen

und Dich dabei niemals vergessen

werd am Strand auch Burgen bauen,

vielleicht noch mal das Fort anschauen

und hab ich das dann alles satt

freu ich mich auf die Heimatstadt

HP Fischer

In meiner Schulzeit hatten wir irgendwann einmal die Aufgabe Minnesänge oder so was zu schreiben. Das Verhältnis zu meiner damaligen Deutschlehrerin war nicht unbedingt das Beste, dennoch stellte ich mir vor, dass sie die Minna sei, die ich zu besingen hätte.

Da ich den Text nun aus dem Gedächtnis rekonstruiere, kann ich nicht mehr für seine Originalität garantieren, hoffe aber, dass er halbwegs originell ist. 

Minnesang anno 1984

Oh Du schöne, holde Maid,

Es ist wieder einmal Zeit,

dass ich schreibe Dir ein Lied,

in dem man meine Liebe sieht.

 

Deine großen, schwarzen Augen,

die alle Blicke auf sich saugen,

schaffen es mich tu betören,

doch kann Dein Silberblick mich stören.

 

Deine langen, schwarzen Haare,

sind für mich das einzig wahre,

und Dein Körper ist so schlank,

noch etwas dünner, wärst Du krank.

Deine Ohren und Dein Mund,

weiße Zähne in dem Rund,

das lässt mein Herzchen höher schlagen,

doch würd ich es Dir niemals sagen.

 

Dein Gesicht, die braune Haut,

aus dem Dein Blick bezaubernd schaut,

ist zwar nicht ganz von Pickeln rein,

doch wer kann schon vollkommen sein.

Heinrich von Buchenforst
(HPs Pseudonym für diesen Sang)

Damals war ich noch der festen Überzeugung, dass der Name Minnesang daher rührte, dass hoch droben im Turm die Minna saß, die der am Fuße des Turmes stehende Sänger besang. Heute bin ich latürnich, dank wikipedia viel, viel schlauer. Dort ist zu lesen:

Minnesang (Minne – mhd. Verehrung einer meist hochgestellten Dame oder Frau, ungleich spontaner Gefühlsäußerung) nennt man die schriftlich überlieferte, hoch ritualisierte Form der gesungenen Liebeslyrik.“ Also wenn ne Minna auf einem Turm keine „hochgestellte Dame oder Frau“ ist, dann weiß ich’s auch nicht mehr. Jetzt folgen neuere Versuche meinerseits mich dieser Form der Liebeslyrik zu nähern.

Minnesang anno 2011

Haare dunkel, doch nicht schwarz,

mein Blick bleibt kleben, wie an Harz

Lass mich in Deine Augen schau’n,

zum Versinken – schönes Braun.

Lächeln, fesselnd und mit Tücke,

zwischen zwei Zähnen eine Lücke.

Dein Wesen offen, freundlich, nett

Du bist recht groß und gar nicht fett.

Und ich höre hin und wieder

mit Deinem Namen ein, zwei Lieder.

Ich hätte beinah mich verliebt…

…jedenfalls gut, dass es Dich gibt.

HP Fischer

Ich hab in meinem Kalenderblatt vom 09. Juli ein schönes Gedicht gefunden, dass wunderbar zwischen die Urlaubsreime und den Minnesang passen würde.

 

An die Entfernte

Diese Rose pflück ich hier,

In der fremden Ferne;

Liebes Mädchen, dir, ach dir

Brächt ich sie so gerne!

Doch bis ich zu dir mag ziehn

Viele weite Meilen,

Ist die Rose längst dahin,

Denn die Rosen eilen.

 

Nie soll weiter sich ins Land

Lieb von Liebe wagen,

Als sich blühend in der Hand

Lässt die Rose tragen;

 

Oder als die Nachtigall

Halme bringt zum Neste,

Oder als ihr süßer Schall

Wandert mit dem Weste.

Nikolaus Lenau

 

Auch mit Heinz Erhardt Versen beschäftigte und beschäftige ich mich schon eine ganze Zeit und rezitiere den einen oder anderen davon. Irgendwann glaubte ich dass Erhardts Werk noch etwas fehle und schrieb Verse hinzu, die natürlich nicht die Qualität dieses großen deutschen Dichters erreichen. Hier eine kleine Auswahl.

Salat

Wie gut steht wieder der Salat,

ich mag ihn wirklich gerne.

Er steht hier seit dem Tag der Saat.

Beobachtet die Sterne.

So ein Salat ist kerngesund,

will nicht, dass er mir schmecke,

ich werde von ihm kugelrund,

denn ich bin eine Schnecke

Heinz Fischer

 

Sauerbraten (in Anlehnung an Erhardts Zitronen)

Neulich fragt  mich mein Freund Knut,

„Heinz“ sagt er, er kennt mich gut,

„du bist doch wirklich ein ganz Schlauer,

wann wurd’ der Sauerbraten sauer?“

 

Nach kurzem Zögern sag ich „Knut“,

denn auch ich kenn’ ihn sehr gut,

Du ahnst es nicht, kannst es nicht raten,

früher hieß der Sauerbraten

>>Fleisch mit Zuckersiropsose<<

Der Koch vergriff sich in der Dose,

und sprach: „Chef ich bedauer,

jetzt ist der ganze Braten sauer.“

Heinz Fischer


Sauerbraten 2
(in Anlehnung an Erhardts Zitronen)

Wann wurd’ der Sauerbraten sauer,

ich wusst’ es auch nicht viel genauer,

drum schrieb ich Starkoch Paul Bocuse,

der mich aber sitzen ließ.

Ich las in Büchern und in Schriften,

dass man wollte einst vergiften,

einen Herrscher ohne Gnade,

doch dem schmeckte, oh wie schade,

dieses Giftmahl, das missraten,

und er tauft es „Sauerbraten“.

Heinz Fischer

 

Für Poesiealben oder Freundschaftsbücher kann man auf Einträge anderer in anderen Poesiealben und Freundschaftsbüchern zurück greifen, heutzutage natürlich auf das Internet. Aber irgendwann wandelte mich die Lust an, doch auch hierfür etwas zu kreieren und schrieb.

 

Nektar

Ich wünscht ich wär’ ein Schmetterling,

und könnte wie er fliegen.

Dann wüsst’ ich, wie man Nektar fing,

und würd’ auch welchen kriegen.

Heinz Fischer

 

Und mit dem Dichten, Reimen und so nem Lyrikkram hab ich mich latürnich auch literarisch beschäftigt.

 

Dichtversuch

Ich wollte schreiben ein Gedicht

Und stellte fest, ich kann es nicht.

Ne Reimfolge hab ich geschrieben

Und dieser Mist hier ist geblieben,

denn sollt’ sie haben nur acht Zeilen

drum musste ich mich echt beeilen

und stelle fest, das ist zu kurz …

… ist mir doch schnurz.

HP Fischer

 

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Dieses Zitat entstammt aus einem meiner diesjährigen Sommerlesebücher. Der Anfang ist sehr vielversprechend und ich bin gespannt was noch kommen wird. Ich hoffe, dass es trotz allgemeinen Presselobs ein gutes Buch wird und ich seine Anschaffung nicht bereue. Mein Zitat ist in etwa so lang, wie man im Buchladen lesen würde. Unten gibts als PDF noch eine längere Leseprobe.

»Ein leises Klirren hinter mir ließ mich den Kopf drehen. Sechs Schwarze gingen hintereinander und quälten sich den Pfad hinauf. Sie schritten aufrecht und langsam, balancierten kleine Körbe mit Erde auf dem Kopf, und das Klirren begleitete jeden Schritt. […] Ich konnte ihre Rippen zählen, die Gelenke ihrer Glieder waren wie Knoten in einem Strick; jeder trug ein Halseisen, und alle waren mit einer Kette verbunden, deren gleichmäßig klirrende Glieder zwischen ihnen hingen.« Diese Szene, die Joseph Conrad in seinem Roman »Herz der Finsternis« beschreibt, spielt zur Blütezeit des europäischen Kolonialismus, von heute aus gesehen vor etwas mehr als hundert Jahren.

Die gnadenlose Brutalität, mit der die frühindustrialisierten Länder damals ihren Hunger nach Rohstoffen, nach Land und nach Macht zu befriedigen suchten und die den Kontinenten ihre Signatur aufprägte, ist den heutigen Verhältnissen in den westlichen Ländern nicht mehr abzulesen. Die Erinnerung an Ausbeutung, Sklaverei und Vernichtung ist einer demokratischen Amnesie zum Opfer gefallen, als seien die Staaten des Westens immer schon so gewesen wie jetzt, obwohl ihr Reichtum wie ihr Machtvorsprung auf eine mörderische Geschichte gebaut ist.

Stattdessen ist man stolz auf die Erfindung, Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte, praktiziert political correctness, engagiert sich humanitär, wenn irgendwo in Afrika oder Asien ein Bürgerkrieg, eine Überschwemmung oder eine Dürre den Menschen die Überlebensgrundlage nimmt. Man beschließt militärische Interventionen, um die Demokratie zu verbreiten und übersieht dabei, dass die meisten westlichen Demokratien auf einer Geschichte von Ausgrenzung, ethnischer Säuberung und Völkermord beruhen. Während sich die asymmetrische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in den Luxus der Lebensumstände in den westlichen Gesellschaften eingeschrieben hat, tragen viele Länder der zweiten und dritten Welt schwer an der Geschichte, die sie damals mit Gewalt überkam: Nicht wenige postkoloniale Länder haben es niemals zu stabiler Staatlichkeit, geschweige denn zu Wohlstand gebracht; in vielen Staaten wurde die Ausbeutungsgeschichte unter veränderten Vorzeichen fortgeschrieben, und in zahlreichen fragilen Gesellschaften stehen heute die Zeichen nicht auf Besserung, sondern auf weiteren Abstieg.

Zehnseitige Leseprobe als PDF

Wochendzitat: wie man bestechlich wird

Veröffentlicht: 16. Oktober 2009 in Wochenendzitat

Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du?

ach manchmal lese ich so genannte „Trivialliteratur“ und dann entdecke ich Erklärungen für das Leben:

[…] Bosse fasste Hans-Olof um die Schultern und drehte sich mit ihm zusammen so herum, sodass sie quer über den großen Parkplatz sahen. »Du kennst doch die Autos deiner Kollegen, oder? Weißt du, wer diesen Mercedes dort drüben fährt?«
»Ja. Ulrik.«
»Der nagelneue grüne Volvo da vom, mit Ledersitzen und allen Schikanen?«
»Björn, oder?«
»Genau. Und dieses rostzerfressene Wrack dort hinten, das vor Jahrhunderten einmal ein Fiat gewesen sein mag?«
»Lars.«
»Gut. Und jetzt denk an alle, die in der Abstimmung die Hand für Sofía Hernandez Cruz gehoben haben, und schau dir an, was sie für Autos fahren.«
Hans-Olof tat, wie ihm geheißen. Mit einem Gefühl, als löse sich der feste Boden unter ihm auf, erkannte er, dass mit Ausnahme von Marita Alling und ihm praktisch alle, die für Sofía Hernandez Cruz gestimmt hatten, teure, neue Autos fuhren, während die anderen mehr oder weniger alte, gebrauchte, nur mühsam über die Jahre gerettete Fahrzeuge ihr Eigen nannten.
»Das ist nicht wahr«, entfuhr es ihm.
»Es ist wahr«, sagte Bosse Nordin. »Du weißt es selbst. Vom Gehalt eines Wissenschaftlers kann man sich solche Autos nicht leisten.« •
Hans-Olofs Atem ging auf einmal nur noch stoßweise. »Sie sind bestochen? Alle?«
»Willkommen in der Wirklichkeit. Willkommen im Club der Eingeweihten.«
»Aber…? Bosse, wie ist das möglich? Du? Deine Börsentipps? Alles Schwindel?«
»Hilflose Versuche, die Unabhängigkeit zurückzuerlangen.«
Hans-Olof hatte das Gefühl, sich setzen zu müssen. Nein, am liebsten hätte er sich hingelegt. Er tastete nach Tabletten, aber die waren alle weit weg in seiner Schreibtischschublade. »Und wie lange geht das schon so?«
»Jahre«, bekannte der Zellphysiologe. »Erspare es mir, sie nachzuzählen.«
»Aber wieso? Ich meine … Geld ist doch nicht alles. Wir sind Wissenschaftler, Bosse, ich bitte dich. Wieso?«
»Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du? Sie tasten sich an dich heran, loten aus, wie weit du zu gehen bereit bist, locken dich über eine Schwelle nach der anderen. Zuerst sind da Einladungen zu Vorträgen, völlig unverdächtig, absolut korrekt. Nur dass das Hotelzimmer ein klein wenig luxuriöser ist als üblich und das Flugticket erster Klasse statt Business-Class, aber so was lässt man sich ja gefallen, nicht wahr? Irgendwann ist man auf einmal Hauptredner, wundert sich, wieso. Das Vortragshonorar ist atemberaubend, und zufällig kommt man an dem Abend mit einem Steueranwalt ins Gespräch, der auf eine Art und Weise aus dem Nähkästchen plaudert, dass man sich wie ein Idiot vorkommt, wenn man an seine Steuern denkt. Und am nächsten Tag schlagen die Veranstalter vor, den größten Teil des Honorars in bar und ohne Quittung auszuzahlen, es in Luxemburg oder Gibraltar zu investieren, in diversen Fonds und Aktien und so weiter, und man nickt und sagt ja und hat das Gefühl, dass man endlich auch dazugehört, dass man endlich einer von denen ist, die wissen, wie man es anpacken muss, das Leben …«
Hans-Olof konnte kaum glauben, was er hörte. »Und
dann?«

»Es ist die ganze Zeit gut gegangen. Und es hat nicht wehgetan. Ab und zu ein GefäIligkeitsgutachten, okay, aber das Sparkonto in der Schweiz wächst, also was soll’s? Eine kleine Auskunft unter Freunden? Scheiß auf die Vorschriften, wenn der nächste Vortrag in Thailand stattfindet.« Bosse hielt inne, nickte sinnend. »Alles Kinderkram natürlich. […]

 Im Buch wird ein Nobelpreis „gekauft“, aber im wahren Leben hat man plötzlich Beraterverträge oder Aufsichtsratsposten oder wird Lobbyist für ein Energieunternehmen….

Quelle: „Der Nobelpreis“ von Andreas Eschbach

Zitat als PDF

Wochenendzitat: Wochenend in Zuidcoote

Veröffentlicht: 31. Juli 2009 in Wochenendzitat, Zitat

Ich hatte ja bereits letzten Samstag unter Wochenendzitat: “Alles für alle und zwar umsonst” in preisgekröntem Buch ein Zitat aus dem Buch gebracht.
Hier nun möchte ich die Klappentexte zitieren, welche selbst aus der französischen Presse zitierten:

Merle erzählt diese Geschichte, die vom Lärm und Grauen des Krieges erfüllt ist, mit bewundernswerter Selbstbe-herrschung. An keiner Stelle dieser beispiellosen Tragödie hören die handelnden Personen auf, einfach und natürlich zu sein. Merle hat ohne Zweifel bei den amerikanischen Romanciers die Kunst des Aussparens gelernt: wie sie weiß er zu schweigen und uns das Wesentliche ‚unter der Hand’ beizubringen. Sein Bericht rollt mit der Unerbittlichkeit der modernen Tragödien Steinbecks oder Faulkners ab. Die Sprache, die er spricht ist kraftvoll und wahr.

Figaro Littéraire


 Ein Roman? Gewiss! Aber geschrieben wie ein Zeugnis der Zeit. Man kann die Wahrheit nicht besser ausdrücken. Ein ungewöhnliches Buch.

Carrefour


Merle-TitelWie man unschwer auf dem Bild erkennen kann, ist meine fast 60 Jahre alte Ausgabe schon ein bisschen ‚mitgenommen‘. Leider ist das Buch im Buchhandel auch nicht mehr erhältlich. Also Augen auf bei Flohmärkten und Antiquariaten. Ich habe es geradezu verschlungen das Buch und bin sehr beeindruckt davon. Wesentlich mehr, als es der Film konnte. Wenn sich die Bilder im eigenen Kopf statt auf der Leinwand oder dem Fernseher abspielen, ist man näher dran. Da ich die Gegend auch noch kenne, wo dieses Buch spielt, war mir alles noch viel vertrauter.

 Und als Appetithäppchen für alle –  noch ein Zitat daraus

Seiten 189-195

Titel

Titel

Derzeit lese ich das Buch „Wochenend in Zuidcoote“ (original: „Weekend à Zuydcoote“) von Robert Merle aus dem Jahr 1950. Es war das erste Buch eines damals Zweiundvierzigjährigen. Ein Buch in dem die Ausweglosigkeit des modernen Krieges und die Fragwürdigkeit unseres Daseins einen äußerst realistischen Ausdruck gefunden haben. Trotz des fast beiläufigen und harmlosen Titels „Wochenend in Zuidcoote“ (so ähnlich wie „ein Wochenende im Freibad – juhu“)handelt es sich hierbei um ein französisches Kriegsbuch. Der Roman hat seine Handlung am Wochenende 1. und 2. Juni 1940 während der Schlacht um Dünkirchen. Auf dem überhasteten Rückzug vor den deutschen Truppen sammeln sich versprengte britische und französische Truppen rund um die Stadt Dünkirchen. Britische Truppen werden von den Stränden um Dünkirchen aus nach England eingeschifft, aber den französischen Soldaten wird der Zugang zu den Evakuierungsschiffen verwehrt. So irren die Soldaten orientierungslos, ohne Moral und Disziplin in den Dünen bei Zuydcoote und Bray-Dunes umher.
Der Autor Robert Merle selbst war einer von ihnen und man findet in dem Roman so viel authentisches, dass es bei der Veröffentlichung sogar zu einer Klage des hier zitierten Taxifahrers kam. Merle hatte nicht nur dessen Worte übernommen, sondern auch den echten Namen.

Jedenfalls stieß ich auf dieses Textstück bei der Lektüre und fand darin die Idee „Alles für alle und zwar umsonst“ wieder:

[…]«Ihr habt nach den Mädels gepfiffen.»

«Ja. Man pfiff nach den Mädels. Na, ich sage dir, da hat sich was getan! Wir hatten Kumpels, die haben all ihre Munition verpulvert mit den Mädels, im Wagen. So einer bin ich nicht. Solche Weiber ! lohnt sich nicht, daß man sich anstrengt. Ich saß, und das Mädel mußte sich vor mir hinknien. Ist dir das klar? Wie ein Pascha saß ich da, im Fond, und spielte den Herrn Direktor, und das Mädel kniet vor mir ! Da fühlst du, daß du ein Mann bist, verstehst du! ,Johann, Sie können fahren! Manch­mal kaufte ich mir vorher eine dicke Zigarre, grade da­für. Begreifst du das? Ich im Fond, richtig in den Pol­stern, die Zigarre in der Schnauze, wie der dicke Direk­tor mit seiner Sekretärin. Das Mädel kniet vor mir, be­greifst du das? Wie ein Generaldirektor, begreifst du das? Der Generaldirektor selbst. Und das für zehn Francs.»

«Scheint mit hauptsächlich Einbildung. Ist eigentlich nicht viel wert.»

« Zugegeben, zugegeben, entgegnete Nittel lebhaft, «aber für zehn Francs! Stell dir vor, für zehn Francs! Da gab es sogar Kumpels, die kostete das keinen Sou. Die lie­ßen die Mädels hinterher sitzen, ohne was zu bezahlen.»

«Das war ziemlich gemein.»

Nittel heftete seinen naivsten Blick auf Maillat.

« Gemein? Wieso? Gemein gegen wen? Gegen die Mä­dels? Aber solche Mädels, das muß du doch selbst sagen, was ist denn da dran! Das lohnt ja nicht, davon zu reden. Immerhin, ich hätt‘ das auch nicht getan. Aber bei mir, weißt du, ist das was anders, ich hab‘ meine Grundsätze.»
« Denn du mußt wissen,» fügte er nach einer Weile hinzu~ «ich bin auch bei den Pfaffen zur Schule gegangen.»

Maillat lächelte und zog ein Paket Gauloises aus der ‚Tasche: «Eine Zigarette?»

«Du wirst bald selbst keine mehr haben.»

«Nimm nur. Sie waren nicht teuer. Der Händler hat nicht gewollt, daß ich sie bezahle.»

«Nein!» rief Nittel und hörte auf zu schieben, « das ist nicht wahr!»

«Ist wahr, wie ich hier stehe.»

«Willst du mich auf den Arm nehmen?»

«Aber nein.»

«Er hat nicht gewollt, daß du sie bezahlst?»

« Nein»

«Er hat dein Geld nicht genommen?»

«Nein! »

«Na, sag‘ mall Das ist kaum glaublich Er hat dein Geld nicht genommen. Der war wohl nicht ganz richtig, der Bursche?»

«Doch. Er war demoralisiert, das ist alles.»

«Demoralisiert?» fragte Nittel. «Du hast so Ausdrücke! Demoralisiert! Mir wär’s recht, sie wären alle demoralisiert, die Burschen! Das wär‘ so ’ne Sache. Da ging‘ man in ’nen Laden und sagte: Ich will das und das, und schnell!‘ Man wickelt’s ein, tut dir noch schön und hoppt raus bist du, ohne zu bezahlen! Das wär‘ so ’ne Sache!*

«Dann würde man dir für deine Fahrerei auch nichts bezahlen. »

«Das könnt‘ mir doch egal sein, wenn alles ohne Geld zu haben wär‘. Da würd‘ man’s sozusagen vom großen Haufen nehmen.»

«Und die Mädels?» sagte Maillat mit einem Lächeln. «Ebenfalls! Die Mädels umsonst. Vom großen Haufen! Man nimmt’s vom großen Haufen, die auch. Da hätten wir so’n Leben, sag‘ selbst!»

«Weißt du», fuhr er fort, «vor diesem Scheißkrieg war man auch nicht unglücklich. Man war sogar glücklich, […]

Quelle: Seiten 18+19 aus
"Wochenend in Zuidcoote"
(original: "Weekend à Zuydcoote")
von Robert Merle
1950 by Biederstein Verlag GmbH München
gebundene Ausgabe mit 273 Seiten
Da gehts lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Da geht's lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Außerdem wurde das Buch von Paul Dufour und Henri Verneuil im Jahr 1964 verfilmt. Jean-Paul Belmondo spielte den Julien Maillat. Der Originaltitel entsprach dem des Romans. Auf deutsch heißt der Film „Dünkirchen, 2. Juni 1940“ und wird meistens am 2. Juni im Nachtprogramm von ARTE gezeigt.
Prisma.de vergibt das Prädikat: sehenswert

Robert Merle (* 28. August 1908 in Tebessa, Algerien; † 28. März 2004 in Paris) war ein französischer Schriftsteller und Romancier. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er 1972 durch seinen Roman Malevil bekannt, der die Folgen eines Atomkrieges zum Thema hat. Daneben schrieb Merle auch eine Biografie des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro und Theaterstücke.
Bis zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan war Merle Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei.