Archiv für die Kategorie ‘Zitat’

In der gestrigen Ausgabe der Zeitschrift „Das Parlament“ las ich einen sehr intressanten Artikel von Heribert Prantl mit dem Titel „Das Gift wirkt“. Hier ein kurzes Zitat:

Umfassendes Frühwarnsystem

Präventive Logik ist expansiv: Wer vorbeugen will, weiß nie genug. Deshalb wird der Staat, im Namen der Sicherheit, immer mehr in Erfahrung bringen wollen – und immer weiter in die Intimsphäre eindringen, um am Tatort zu sein, bevor der Täter da ist; um einzugreifen, bevor aus dem Gedanken die Tat geworden ist, ja schon bevor der Gedanke daran manifest geworden ist; um also Gewalt gar nicht erst aufkommen zu lassen, um sie zu verhindern statt zu bestrafen. Es geht der neuen Politik der inneren Sicherheit vor allem darum, ein Frühwarnsystem zu errichten – ein Frühwarnsystem, das Regungen potenzieller Normabweichung aufspürt, das Auffälligkeiten registriert, das den Terroristen wie den Dieb erkennt, schon bevor er sich entschließt, wirklich einer zu sein, das flächendeckend und umfassend Daten einfängt und sicherheitshalber speichert, um daraus sicherheitsrelevante Erkenntnisse zu gewinnen. Es werden, und das ist der Preis dieses Frühwarnsystems, ohne konkreten Anlass und ohne konkreten Anhaltspunkt, solche Mittel (wie das heimliche Abhören oder heimliche Kontrollen) potenziell gegen jedermann zum Einsatz gebracht, die bisher im Strafrecht nur gegen Verdächtige möglich waren. Weit im Vorfeld einer Straftat sollen also geringere Anforderungen an den massiven Grundrechtseingriff gelten als dann, wenn der Täter schon konkret zur Tat angesetzt hat.

Unwillkürlich wurde ich an George Orwells Roman „1984“ von 1949 und an den Spielbergs Film „Minority Report“ von 2002 erinnert. Tatsächlich werden beide bei Wikipedia im Artikel „Gedankenverbrechen“ erwähnt. Eine weitere Passage aus dem oben genannten Artikel:

Potenziell verdächtig

Seit dem 11. September 2001 ist die Politik der westlichen Welt dabei, ihre Rechtsstaaten in Präventionsstaaten umzubauen: Das Recht wird verdünnt, um so angeblich besser mit den globalen Risiken fertig zu werden. Die Beruhigungsformel dabei lautet, wie gesagt: Wer nichts zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten – allenfalls, ja nun, dass er, sein Telefon oder sein Konto ab und zu heimlich und „verdachtsunabhängig“ kontrolliert wird, insbesondere, wenn er nicht so ausschaut oder sich nicht so verhält, wie sich ein Polizist, ein Grenz- oder Verfassungsschützer einen braven Bürger vorstellen. Es kann auch passieren, dass man ins Schleppnetz einer Fahndung gerät, die im Ungewissen nach Daten und Fakten fischt. Aber solche Kontrollen müsse man, meinen die Politiker, im Interesse von mehr innerer Sicherheit in Kauf nehmen.

Im fürsorglichen Präventionsstaat sind die Grenzen zwischen Unschuldigen und Schuldigen, zwischen Verdächtigen und Unverdächtigen aufgehoben. Bisher hat das Recht hier sehr genau unterschieden, bisher hat es Beweise, konkrete Fakten gefordert, um jemanden verdächtigen zu können. Nun aber gilt jeder Einzelne zunächst einmal als Risikofaktor und muss es sich gefallen lassen, dass er – ohne einen konkreten Anlass dafür geliefert zu haben – „zur Sicherheit“ überwacht wird. Wenn sich dann ergibt, dass der so Beobachtete, Registrierte, Belauschte und Geprüfte nicht gefährlich ist, wird er wieder zum Bürger. Bis dahin gilt jeder Einzelne als potenziell verdächtig – so lange, bis sich durch die Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen seine Entlastung ergibt. Bisher war das umgekehrt: Wer keinen Anlass für staatliches Eingreifen gegeben hatte, wurde in Ruhe gelassen. Jeder konnte also durch sein eigenes Verhalten den Staat auf Distanz halten.

Als katholisch erzogener Mensch waren mir Gedankensünden natürlich auch schon vorher ein Begriff und in meinem ersten Artikel für das Schülermagazin „format“ schrieb ich auch einen Artikel, der bereits damals vor der allumfassenden Überwachung warnte, aber dass es tatsächlich mal so weit kommt, dass in unserem Land die Freiheit für die gefühlte Sicherheit geopfert wird, dass lässt mich heute erschaudern.

wer den ganzen Artikel lesen möchte, der klicke bitte hier:
http://www.das-parlament.de/2011/35-36/Themenausgabe/35483970.html

Wikieintrag zum Präventionsstaat: http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4ventionsstaat

In der gleichen Zeitschrift findet sich übrigens ein Doppelinterview mit Wolfgang Bosbach (CDU) und Gregor Gysy (DIE LINKE.) in welchem Gysi unter anderem wie folgt zitiert wird:

Doch, aber es ist eine schwierige Frage in einem demokratischen Rechtsstaat: Wie weit schränkst du die Rechte der Bürgerinnen und Bürger ein, um Kriminalität vorzubeugen oder zu bekämpfen? Wo sind die Grenzen? Das wird immer ein Konflikt bleiben zwischen den Parteien. Das sehen wir ja auch zwischen Union und FDP. Auf der einen Seite erwarten die Menschen zu Recht Schutz, den es aber nie zu 100 Prozent geben kann. Auf der anderen Seite wollen sie nicht, dass etwa ihre Daten endlos gespeichert werden. Darüber müssen wir immer wieder neu diskutieren und die Wirkung der Gesetze unabhängig evaluieren lassen.“

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Eine kleine Leseempfehlung für die Urlaubszeit.

prolog

Köln 1388

Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen.
Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen.
Sie stand vor dem Petersportal, ohne Erinnerung daran,
wie sie hierhergekommen war.
Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich
herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub
wie ein schwarzer Trauerrand.
Du bist bei mir.
,.Ja, ich bin bei dir.., murmelte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie
nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem
Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele
verführen wollte.
In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in
den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit
jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört haue und ihm
gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht
und haue hier gestanden.
Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das
Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche
der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste
sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk
einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur
Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.
Irgendwann, so hauen ihr der Vater und der Bruder versichert,
würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes
klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer
Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein,
Jahr für Jahr.
Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem
Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie
der Möwen, die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen
Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.
Du bist bei mir, Anna.
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere
Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken
zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im
Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.
Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen
mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch
die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hauen gekocht und gebraten,
das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre
Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern
des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den
Gast, den sie morgen erwartete.
Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das
letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jah-
re? Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler
war seit Langem in alle Welt zerstreut.
Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem
er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine
Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag
feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch
heute lachen.
• Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister.., hatte er
gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten:
Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat
es mit Stolz.
Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen
hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche
Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und
auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in
den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die
Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des lebendigen.
Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und
den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von
der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen,
trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszü-
ge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem
Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große
Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.
Ich bin bei dir!
Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so
nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen
des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms
drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages
hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die
erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter
der Steinfiguren in ein graues Dunkel.
Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang
ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die
Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab,
bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder
sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens.
Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr
vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht.
Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?
Komm zu mir!
Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie
an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.
Erkenne mich!
Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in
dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt,
nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.
Erinnere dich!
Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr
die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den
Leib. Es riss an ihren Fesseln.
»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un
Moder nit mih heim. « Die Worte des Greven übertönten in ihrer
Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine
Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die
Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.
Sieh mich!
Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und
kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen
schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken
entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.
Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen.
Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung.
Und sie erinnerte sich an die Angst.
Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.
Und jetzt starb sie wieder.
Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr
Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.
»Du erinnerst dich an mich. «
»Ich erinnere mich an alles. «
»Ich war immer da. «
»Du warst bei mir. «
»Meine Liebe hat dich beschützt. «
»Wie konnte ich nur vergessen? «
»Das hast du nie. «
Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des
Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte
ihr seine Hand.

Das PORTAL
von Elke Pistor

Broschiert: 235 Seiten
Verlag: Emons; Auflage: 1., Aufl. (11. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3897058340
Preis: 9,90€

erhältlich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, wie beispielsweise

Buchhandlung für ausgesuchte Literatur Ulrich Klinger,
Rochusstr. 93
50827 Köln,
Tel.: 0221 / 530 46 58
e-mail: buchhandlung-klinger@netcologne.de
www.klinger.online.de
 
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1. lyrisches Programm

Veröffentlicht: 17. Juli 2011 in Lyrik, Persönliches, Wochenendzitat

Ich wurde jetzt schon mehrfach vor allem nach Sitzungen der Kalker Bezirksvertretung angesprochen, woher ich meine „poetische Ader“ habe. Ich wusste nicht, dass ich so etwas habe, aber das können andere immer besser beurteilen als man selbst. Tatsächlich bin ich auch von Freunden schon drei- bis zweimal angesprochen worden meine Texte doch auch mal zu veröffentlichen. Nun denn, da es insgesamt nicht für ein Buch reichen wird, man aber heutzutage durchaus selbst im weltweiten Netz veröffentlichen kann, wähle ich diesen Weg. Was läge also näher als meinen Blog mit ein paar Texten aufzupeppen, die so gar nichts mit Politik zu tun haben? Auch politisch Interessierte dürften ab und an mal etwas anderes lesen wollen. Wenn nicht, es wird ja auch niemand zum Lesen gezwungen.

Wenn Euch meine Texte gefallen, dürft Ihr sie gerne auch verbreiten (bitte MIT Quellenangabe). Wenn Sie Euch nicht gefallen, haltet einfach die Klappe.

In meinem ersten „lyrischen Programm“ hab ich auch etwas von anderen mit eingebaut, damit die Frage nach der Inspiration zumindest teilweise geklärt wird.

 

Urlaub im Urwald

Ich geh im Urwald für mich hin . . .

Wie schön, daß ich im Urwald bin:

Man kann hier noch so lange wandern,

ein Urbaum steht neben dem andern.

Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,

hängt Urlaub. Schön, daß man ihn hat !

Heinz Erhardt

 

Da es gerade für viele wieder aktuell ist auch zwei meiner Werke zum Thema.

Urlaubsvorbereitungen

Das ganze Land sich richtig freut,

denn es ist wieder Urlaubszeit.

Doch, oweh, was ist denn nun?

Ich kann nichts dagegen tun,

ich mach mir Sorgen und Gedanken:

werd’ ich mich im Urlaub zanken?

werd’ ich vielleicht Heimweh kriegen?

Wird Sehnsucht mich nach Dir besiegen?

Wie verbring ich meine Tage?

Wird gut sein auch die Wetterlage?

Wird’ ich wieder zu viel rauchen?

Kann ich das Internet gebrauchen?

Fragen, Fragen, noch mehr Fragen

Ich will mich nicht zu sehr beklagen.

Denn eins ist ohne Frage sicher:

Den Urlaub braucht er, der Herr Fischer

HP Fischer

 

Urlaubsvorbereitungen 2

Ich werde nicht vor Sehnsucht sterben,

Ich werd mir nicht die Haare färben,

werd nicht vor Einsamkeit vergehn

werd viele hübsche Frauen sehn

werd nicht ertränken mich im Meer

doch werd vermissen Dich schon sehr

werd Muscheln und auch Schnecken essen

und Dich dabei niemals vergessen

werd am Strand auch Burgen bauen,

vielleicht noch mal das Fort anschauen

und hab ich das dann alles satt

freu ich mich auf die Heimatstadt

HP Fischer

In meiner Schulzeit hatten wir irgendwann einmal die Aufgabe Minnesänge oder so was zu schreiben. Das Verhältnis zu meiner damaligen Deutschlehrerin war nicht unbedingt das Beste, dennoch stellte ich mir vor, dass sie die Minna sei, die ich zu besingen hätte.

Da ich den Text nun aus dem Gedächtnis rekonstruiere, kann ich nicht mehr für seine Originalität garantieren, hoffe aber, dass er halbwegs originell ist. 

Minnesang anno 1984

Oh Du schöne, holde Maid,

Es ist wieder einmal Zeit,

dass ich schreibe Dir ein Lied,

in dem man meine Liebe sieht.

 

Deine großen, schwarzen Augen,

die alle Blicke auf sich saugen,

schaffen es mich tu betören,

doch kann Dein Silberblick mich stören.

 

Deine langen, schwarzen Haare,

sind für mich das einzig wahre,

und Dein Körper ist so schlank,

noch etwas dünner, wärst Du krank.

Deine Ohren und Dein Mund,

weiße Zähne in dem Rund,

das lässt mein Herzchen höher schlagen,

doch würd ich es Dir niemals sagen.

 

Dein Gesicht, die braune Haut,

aus dem Dein Blick bezaubernd schaut,

ist zwar nicht ganz von Pickeln rein,

doch wer kann schon vollkommen sein.

Heinrich von Buchenforst
(HPs Pseudonym für diesen Sang)

Damals war ich noch der festen Überzeugung, dass der Name Minnesang daher rührte, dass hoch droben im Turm die Minna saß, die der am Fuße des Turmes stehende Sänger besang. Heute bin ich latürnich, dank wikipedia viel, viel schlauer. Dort ist zu lesen:

Minnesang (Minne – mhd. Verehrung einer meist hochgestellten Dame oder Frau, ungleich spontaner Gefühlsäußerung) nennt man die schriftlich überlieferte, hoch ritualisierte Form der gesungenen Liebeslyrik.“ Also wenn ne Minna auf einem Turm keine „hochgestellte Dame oder Frau“ ist, dann weiß ich’s auch nicht mehr. Jetzt folgen neuere Versuche meinerseits mich dieser Form der Liebeslyrik zu nähern.

Minnesang anno 2011

Haare dunkel, doch nicht schwarz,

mein Blick bleibt kleben, wie an Harz

Lass mich in Deine Augen schau’n,

zum Versinken – schönes Braun.

Lächeln, fesselnd und mit Tücke,

zwischen zwei Zähnen eine Lücke.

Dein Wesen offen, freundlich, nett

Du bist recht groß und gar nicht fett.

Und ich höre hin und wieder

mit Deinem Namen ein, zwei Lieder.

Ich hätte beinah mich verliebt…

…jedenfalls gut, dass es Dich gibt.

HP Fischer

Ich hab in meinem Kalenderblatt vom 09. Juli ein schönes Gedicht gefunden, dass wunderbar zwischen die Urlaubsreime und den Minnesang passen würde.

 

An die Entfernte

Diese Rose pflück ich hier,

In der fremden Ferne;

Liebes Mädchen, dir, ach dir

Brächt ich sie so gerne!

Doch bis ich zu dir mag ziehn

Viele weite Meilen,

Ist die Rose längst dahin,

Denn die Rosen eilen.

 

Nie soll weiter sich ins Land

Lieb von Liebe wagen,

Als sich blühend in der Hand

Lässt die Rose tragen;

 

Oder als die Nachtigall

Halme bringt zum Neste,

Oder als ihr süßer Schall

Wandert mit dem Weste.

Nikolaus Lenau

 

Auch mit Heinz Erhardt Versen beschäftigte und beschäftige ich mich schon eine ganze Zeit und rezitiere den einen oder anderen davon. Irgendwann glaubte ich dass Erhardts Werk noch etwas fehle und schrieb Verse hinzu, die natürlich nicht die Qualität dieses großen deutschen Dichters erreichen. Hier eine kleine Auswahl.

Salat

Wie gut steht wieder der Salat,

ich mag ihn wirklich gerne.

Er steht hier seit dem Tag der Saat.

Beobachtet die Sterne.

So ein Salat ist kerngesund,

will nicht, dass er mir schmecke,

ich werde von ihm kugelrund,

denn ich bin eine Schnecke

Heinz Fischer

 

Sauerbraten (in Anlehnung an Erhardts Zitronen)

Neulich fragt  mich mein Freund Knut,

„Heinz“ sagt er, er kennt mich gut,

„du bist doch wirklich ein ganz Schlauer,

wann wurd’ der Sauerbraten sauer?“

 

Nach kurzem Zögern sag ich „Knut“,

denn auch ich kenn’ ihn sehr gut,

Du ahnst es nicht, kannst es nicht raten,

früher hieß der Sauerbraten

>>Fleisch mit Zuckersiropsose<<

Der Koch vergriff sich in der Dose,

und sprach: „Chef ich bedauer,

jetzt ist der ganze Braten sauer.“

Heinz Fischer


Sauerbraten 2
(in Anlehnung an Erhardts Zitronen)

Wann wurd’ der Sauerbraten sauer,

ich wusst’ es auch nicht viel genauer,

drum schrieb ich Starkoch Paul Bocuse,

der mich aber sitzen ließ.

Ich las in Büchern und in Schriften,

dass man wollte einst vergiften,

einen Herrscher ohne Gnade,

doch dem schmeckte, oh wie schade,

dieses Giftmahl, das missraten,

und er tauft es „Sauerbraten“.

Heinz Fischer

 

Für Poesiealben oder Freundschaftsbücher kann man auf Einträge anderer in anderen Poesiealben und Freundschaftsbüchern zurück greifen, heutzutage natürlich auf das Internet. Aber irgendwann wandelte mich die Lust an, doch auch hierfür etwas zu kreieren und schrieb.

 

Nektar

Ich wünscht ich wär’ ein Schmetterling,

und könnte wie er fliegen.

Dann wüsst’ ich, wie man Nektar fing,

und würd’ auch welchen kriegen.

Heinz Fischer

 

Und mit dem Dichten, Reimen und so nem Lyrikkram hab ich mich latürnich auch literarisch beschäftigt.

 

Dichtversuch

Ich wollte schreiben ein Gedicht

Und stellte fest, ich kann es nicht.

Ne Reimfolge hab ich geschrieben

Und dieser Mist hier ist geblieben,

denn sollt’ sie haben nur acht Zeilen

drum musste ich mich echt beeilen

und stelle fest, das ist zu kurz …

… ist mir doch schnurz.

HP Fischer

 

Warum sich Deutschland einen zu Guttenberg nicht mehr leisten kann.

Liebe Leser_innen, ich wollte mich eigentlich hinsetzen und in mühevoller Kleinarbeit neben meinem Beruf, meinem politischen Engagement und den Pflichten als Familienvater und Hundebesitzer einen Beitrag zum KT zu G, also dem Dr. a.D. Guttenberg schreiben, als mir ein Artikel aus der Financial Times Deutschland in die Finger fiel, der mir so gut gefiel, dass ich ihn einfach gerne übernehmen würde. Er ist im folgenden als Zitat gekennzeichnet und zu lesen.

Der Fall ist klar: Ein Bundestagsabgeordneter gibt eine wissenschaftliche Arbeit über ein politisches Thema ab, die in bedeutenden Teilen nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Wie und warum er das gemacht hat, macht kaum noch einen Unterschied. Es ist egal. wie er heißt, und letztlich auch, warum er das tat. Fakt ist: Karl Theodor zu Guttenberg hat bei seiner Dissertation betrogen. Ein Versehen und ein Schludern kann man ausschließen. Die Kommission der Universität Bayreuth mag den Fall für sich bewerten und über den Doktortitel entscheiden. Die politische Entscheidung ist viel einfacher.

 

Es ist ein handfester Skandal, man stelle sich vor, er bliebe im Amt; Eltern, Lehrer und Professoren werden ihren Kindern. Schülern und Studenten kaum erklären können, dass sie selbst nicht irgendwelche Aufsätze zusammenkopieren dürfen, Politiker

dagegen schon. Es ist eine Arroganz des Politikbetriebs gegenüber der Wissenschaft, wenn ein Betrug bei einem wissenschaftlichen Werk, als Nebenkriegsschauplatz abgetan wird.

 

 Kurzum: Kanzlerin Angela Merkel müsste zu Guttenberg entlassen, ein solcher Betrug darf in einem Land, das sich Bildungsrepublik nennt, nicht ungestraft bleiben. Und das unabhängig davon, welche Begrifflichkeiten die Bayreuther Kommission finden mag. Das Land braucht Vorbilder und die Politik feste Maßstäbe. Das Schlimme ist: Sie hat sie nicht mehr.

Die Art und Weise, wie zu Guttenberg, Merkel & Co. den Betrug bagatellisieren, zeugt davon. Nach einem halbherzigen Eingeständnis am Montag – er habe wohl „an der einen oder anderen Stelle den Überblick über die Quellen verloren“ – tat Guttenberg das Ganze mit dem Satz ab, er „stehe zu dem Blödsinn“, den er geschrieben habe.

 

Guttenberg spekuliert darauf, dass viele Leute nicht verstehen, was da wohl in dieser Diss… äh? Vorgegangen sein mag. Glaubt man den Umfragen, könnte er damit durchkommen. Parteifreunde und auch Journalisten reden von einem Nebenkriegsschauplatz, von Jugendsünden mit Mitte 30 und politischen Neidern.  Sie ziehen den Betrug auf die Ebene des politischen Klein-Klein, als könnte es dazu zwei Meinungen geben.

 

Nein, es geht um viel mehr. In einem Land, in dem immer mehr Menschen Abitur machen sollen, studieren und promovieren, ist der Schaden gar nicht groß genug zu sehen. Zugegeben, viele Menschen können ihn vielleicht nicht richtig einschätzen, wissen nicht, was der Anspruch einer eigenen wissenschaftlichen Leistung ist. Aber die Kategorien der Wissenschaft sind mit gutem Recht andere als die politischen Spiele der Parteien.

 

Die Pflicht der Politik wäre es, diesen Leuten klarzumachen, was der Sinn von wissenschaftlicher Forschung ist. Wissenschaft ist etwas anderes, als zu googeln und bestehendes Wissen zusammenzusuchen. Stattdessen nutzen Guttenberg und seine Parteifreunde das Unwissen der Leute aus; Sie tun. als ginge es um beliebte und unbeliebte Politiker, eine gute oder schlechte Steuerreform. Letztlich wäre es die Aufgabe des Bundespräsidenten, ein paar Takte zu sagen.

 

Noch einmal: Hier geht es nicht um vergessene Fußnoten oder Anführungszeichen. Guttenberg hat komplette Passagen anderer Autoren kopiert. Es sind nicht irgendwelche belanglosen Sätze. auch den Anfang der Einleitung hat er kopiert. Da helfen auch ein paar mehr Fußnoten nichts. Die Einleitung soll der Doktorand bitte schön selbst Formulieren. Das machen Studenten auch.

 

Die Person zu Guttenberg – sein Image oder seine Beliebtheit – sollte bei dem Fall egal sein. Wer so etwas macht, hat weder in einer Bundesregierung noch im Deutschen Bundestag etwas verloren – egal wie beliebt er ist und wie gut oder schlecht er sein Amt ausführt.

 

Man bedenke, dass er mutmaßlich auch den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags unrechtmäßig in Anspruch genommen hat. Guttenberg wird nun vorgehalten, dass gerade er besonders hätte aufpassen müssen, weil ihm Glaubwürdigkeit immer so wichtig sei. Aber auch das ist letztlich egal. Wenn zwei Schüler einen Erlebnisaufsatz über einen Italienurlaub aus dem Internet übernehmen, urteilt der Lehrer auch nicht danach, welcher Schüler zuvor welche Imagepflege betrieben hat.

 

Typen wie Rudolf Scharping oder Franz Josef Jung wären längst von den eigenen Leuten aus dem Kabinett und dem Hohen Hause verjagt worden. Nur bei zu Guttenberg gelten andere Regeln, taktische. Er ist beliebt, und die meisten Leute kapieren das alles doch ohnehin nicht, also hält man sie doof und ihn im Amt, er wird noch nützlich sein. Nebenbei: In der Person zu Guttenberg liegt ja offenbar die Erklärung,

warum er überhaupt promovieren wollte. Ein Doktortitel würde darüber hinwegtäuschen, dass er kein zweites Staatsexamen hat und seine beruflichen Stationen vor allem Praktika waren.

 

Aber über die Beweggründe kann man nur spekulieren. Seine genannten Pflichten eines jungen Familienvaters entschuldigen jedenfalls keinen Betrug. Niemand hat ihn gezwungen, die Arbeit zu schreiben, Abgeordneter zu werden und Familienvater.

 

Es zeichnet sich eines der ganz großen Schmierentheater ab, eines, das dem Ruf der ganzen deutschen Wissenschaft schaden dürfte. Herr zu Guttenberg, tun Sie der Wissenschaft, der Politik: und dem Land einen Gefallen. Gehen Sie dahin, wo Sie hergekommen sind, gehen Sie in den Wald, in dem Ihr Schloss steht! Für jeden ernst zu nehmenden Akademiker sind Sie nur noch eine Witzfigur. 

Quelle: Financial Times Deutschland 22.02.2011 Seite 25 Quellrubrik: Agenda Autor Stefan Tillmann



Verfassungsfeinde !?!

Veröffentlicht: 13. Oktober 2010 in Überwachung, Für Sie gelesen, NRW, Zitat

Unter dem Titel „Höchstrichterliche Urteile“ veröffentlichte die AZ – Aachener Zeitung die unten stehende Aufzählung, die ich hier gerne weiter verbreite.

Die ehemalige nordrhein-westfälische Landesregierung von CDU und FDP (2005 bis 2010) hat während ihrer Regierungszeit (und auch danach noch) zahlreiche juristische Niederlagen vor höchsten Gerichten hinnehmen müssen.

Hier eine Auswahl:
24. April 2007: Die Verfassungsrichter des Landes rügen, dass die Neuverschuldung die Summe der Investitionen um 1,4 Milliarden Euro überschritten hat. Die Überschreitung der Kreditobergrenze im zweiten Nachtragshaushalt 2005 war somit verfassungswidrig.

11. Dezember 2007: Erneut entscheidet der Verfassungsgerichtshof in Münster gegen die Landesregierung in Düsseldorf. Das Land muss den Kommunen in Nordrhein-Westfalen rund 450 Millionen Euro wegen einer zu hohen Beteiligung an der Finanzierung der deutschen Einheit zurückerstatten.

27. Februar 2008: Die wohl schwerste Niederlage von Schwarz-Gelb. Das Bundesverfassungsgericht erklärt die in Nordrhein-Westfalen geltende Regelung zu Online-Durchsuchungen privater Computer für grundgesetzwidrig und damit für nichtig. Die Vorschrift im NRW-Gesetz verletze das allgemeine Persönlichkeitsrecht, sagt Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier in Karlsruhe zur Begründung der Entscheidung.

18. Februar 2009: Die NRW-Kommunalwahl darf nicht gemeinsam mit der Europawahl am 7. Juni stattfinden, entscheidet das höchste Gericht des Landes. Später scheitert allerdings eine weitere Klage der damaligen rot-grünen Opposition gegen den 30. August als Wahltermin.

26. August 2009: Die Beschränkungen für die Größe von Factory-Outlet-Centern in Nordrhein-Westfalen sind nicht mit der Landesverfassung vereinbar. Dies verkündet wiederum der Verfassungsgerichtshof des Landes in Münster in einem Urteil und gibt damit einer Verfassungsbeschwerde der Stadt Ochtrup recht.

26. Mai 2010: Die Finanzzuweisungen des Landes für die Arbeitsmarktreform Hartz IV verstoßen gegen die Landesverfassung. Dies entscheidet der Verfassungsgerichtshof NRW in Münster.

7. September 2010: Die Zwangsversetzung von Landesbeamten der bisherigen Versorgungsämter in die Kommunen ist unzulässig. Das urteilt das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster. Vier Beamte hatten gegen das Land geklagt.

12. Oktober 2010: Der NRW-Verfassungsgerichtshof kippt die Kita-Finanzregeln des Landes, die auf Kosten der Kommunen gegangen waren. (dapd)

Quelle: Aachener Zeitung vom 13.10.2010 Seite 4 Gesamtausgabe Ressort: Meinung und Hintergrund

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Dieses Zitat entstammt aus einem meiner diesjährigen Sommerlesebücher. Der Anfang ist sehr vielversprechend und ich bin gespannt was noch kommen wird. Ich hoffe, dass es trotz allgemeinen Presselobs ein gutes Buch wird und ich seine Anschaffung nicht bereue. Mein Zitat ist in etwa so lang, wie man im Buchladen lesen würde. Unten gibts als PDF noch eine längere Leseprobe.

»Ein leises Klirren hinter mir ließ mich den Kopf drehen. Sechs Schwarze gingen hintereinander und quälten sich den Pfad hinauf. Sie schritten aufrecht und langsam, balancierten kleine Körbe mit Erde auf dem Kopf, und das Klirren begleitete jeden Schritt. […] Ich konnte ihre Rippen zählen, die Gelenke ihrer Glieder waren wie Knoten in einem Strick; jeder trug ein Halseisen, und alle waren mit einer Kette verbunden, deren gleichmäßig klirrende Glieder zwischen ihnen hingen.« Diese Szene, die Joseph Conrad in seinem Roman »Herz der Finsternis« beschreibt, spielt zur Blütezeit des europäischen Kolonialismus, von heute aus gesehen vor etwas mehr als hundert Jahren.

Die gnadenlose Brutalität, mit der die frühindustrialisierten Länder damals ihren Hunger nach Rohstoffen, nach Land und nach Macht zu befriedigen suchten und die den Kontinenten ihre Signatur aufprägte, ist den heutigen Verhältnissen in den westlichen Ländern nicht mehr abzulesen. Die Erinnerung an Ausbeutung, Sklaverei und Vernichtung ist einer demokratischen Amnesie zum Opfer gefallen, als seien die Staaten des Westens immer schon so gewesen wie jetzt, obwohl ihr Reichtum wie ihr Machtvorsprung auf eine mörderische Geschichte gebaut ist.

Stattdessen ist man stolz auf die Erfindung, Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte, praktiziert political correctness, engagiert sich humanitär, wenn irgendwo in Afrika oder Asien ein Bürgerkrieg, eine Überschwemmung oder eine Dürre den Menschen die Überlebensgrundlage nimmt. Man beschließt militärische Interventionen, um die Demokratie zu verbreiten und übersieht dabei, dass die meisten westlichen Demokratien auf einer Geschichte von Ausgrenzung, ethnischer Säuberung und Völkermord beruhen. Während sich die asymmetrische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in den Luxus der Lebensumstände in den westlichen Gesellschaften eingeschrieben hat, tragen viele Länder der zweiten und dritten Welt schwer an der Geschichte, die sie damals mit Gewalt überkam: Nicht wenige postkoloniale Länder haben es niemals zu stabiler Staatlichkeit, geschweige denn zu Wohlstand gebracht; in vielen Staaten wurde die Ausbeutungsgeschichte unter veränderten Vorzeichen fortgeschrieben, und in zahlreichen fragilen Gesellschaften stehen heute die Zeichen nicht auf Besserung, sondern auf weiteren Abstieg.

Zehnseitige Leseprobe als PDF

Unter dem Link http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/498051%5Bcw%5D war ein Artikel in der Süddeutschen angekündigt, der dann auch in der gedruckten Ausgabe erschien. Leider habe ich ihn online nicht wieder gefunden, sondern nur noch folgenden Text: „Der angeforderte Seiteninhalt wurde leider gelöscht und kann nicht mehr angezeigt werden.“

Trotzdem ist der Artikel durchaus lesenswert, beginnt er doch mit den Worten:

In Köln reißt man intakte Häuser ab. Für Neubauten fehlt dann das Geld. Immer mehr Bürger laufen jetzt Sturm gegen die rheinische Hobbypolitik
Die Städte bluten aus. Immer mehr Kommunen stehen vor dem Bankrott und legen in ihrer Not radikale, ja selbstzerstörerische Sparprogramme auf. Was bedeutet das für die Identität dieser Städte? Was sind sie noch, wenn man Kultur und Kunst einspart und die sozialen Leistungen zusammenstreicht? Und was bedeutet diese Krise für die Demokratie? Schließlich nehmen die Bürger den Staat vor allem vor der eigenen Haustür wahr, in ihrer Stadt.

natürlich muss man erstmal auf die Sprache eingehen, kommt aber bald auch zur Sache:

„Alle Alaaf“, „Dat Hätz vun d’r Welt“, „Ene Besuch em Zoo“ – wohl keine andere Metropole stellt ihren Dialekt derart penetrant aus, fast alle Werbeplakate verkünden während des Karnevals ihre Slogans auf Kölsch. So bittet die Stadt ihre Autofahrer mit dem Spruch „Ävver bitte, bitte mit Jeföhl!“ um maßvolles Trinken, und ein Kleiderladen verspricht „Jetz givvet Prozente“. Nun soll hier auf keinen Fall modebewussten Menschen das Recht auf heimatliche Mundart verboten werden, aber direkt neben „Starfucks“-T-Shirts mit erigiertem Penis wirkt solch ein dialektales Prozente-Schild schon recht bräsig-provinziell.

Um Prozente, Provinzialität und Bräsigkeit geht es momentan auch in der Kölner Kulturpolitik. Es muss gespart werden. Überall. Das wissen auch alle. Schließlich hat Köln mehr als drei Milliarden Euro Schulden. Im Haushalt klafft ein Loch von unfassbaren 540 Millionen Euro. Die Frage ist nur, wie man darüber abstimmt, was eingespart wird. Und wie man das dann den Bürgern vermittelt.

weiter heißt es:

Die sind mittlerweile so sauer, so verbittert und aufgewühlt, dass sie . . . aber Moment, wir müssen die Berichterstattung hier kurz unterbrechen, gerade kommt ein Karnevalswagen um die Ecke, wie ihn die Stadt noch nicht gesehen hat: Inmitten all der immergleichen Rosenmontagsgefährte mit Merkel, Guido, Ärschen, Busen winken die Künstler Rosemarie Trockel, Gerhard Richter und Sigmar Polke als Puppen von einem Wagen, auf dem sich ansonsten ein Modell des Schauspielhauses dreht und an dem ein von Rosemarie Trockel gestrickter Schal mit dem Slogan „Ihr seid Künstler und wir nicht“ hängt. Aus den Karnevalskneipen der Stadt schallt das gleichnamige Lied, dessen Text ein Frontalangriff gegen die Ignoranz und Selbstgefälligkeit der Stadtvorderen ist: „Ihr seid Künstler und wir nicht, eure Ahnung, die hamm wir leider nicht. Doch schon bald habt ihr uns beigebracht, wie man aus Köln einen Haufen Scheiße macht.“

Der Künstler Merlin Bauer, einer der Initiatoren dieser Aktion, sagt drei Tage vor Rosenmontag, während er in seiner Wohnung Kartons für Trockel-Schals faltet, er und seine Freunde wollten mit diesem Wagen „der Verwaltung zeigen, dass die in solch dramatischen Zeiten nicht mehr einfach so weiterdilettieren kann.“

Nun sind es nicht nur ein paar renitente Künstler, die gegen Kulturkürzungen aufbegehren: Erst vor kurzem warnten einige große Versicherungsunternehmen wie Generali und die Gothaer davor, den Kulturetat der Stadt weiter runterzufahren. Köln verliere sein Alleinstellungsmerkmal, hieß es, Microsoft habe sich hier wegen des vielfältigen Kulturangebots angesiedelt. Und dieses Angebot wird ohnehin dünner: Die Kunstszene, einst die reichste, lebendigste, vielfältigste in Europa, ist bitterlich abgemagert, viele Künstler sind nach Berlin gegangen, Galerien wurden geschlossen. Die Kunsthalle, die man so lange verwahrlosen ließ, bis man sie 2002 abreißen konnte, wird wohl auch nicht neu gebaut. Für das Projekt gilt in diesen Zeiten Rilkes Satz: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Das stammt aus dem Gedicht „Herbsttag“, mittlerweile aber ist tiefster Winter: Da können die noch bestehenden Häuser froh sein, wenn sie halbwegs am Laufen bleiben.

Nun könnte man klagen über die groteske Fehlkonstruktion der Kommunenfinanzierung: Sie hängen auf Gedeih und Verderb ab von den Gewerbesteuereinnahmen, die im Zuge der Finanzkrise ins Bodenlose fallen. Gleichzeitig haben die Städte – aufgrund dieser Krise und steigender Arbeitslosenzahlen – explodierende Sozialausgaben. Diese skandalöse Konstruktion lässt momentan viele Städte richtiggehend absaufen.

Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters muss die Ausgaben um bis zu 12,5 Prozent kürzen. Und probiert jetzt in seiner Not das, was alle gerade machen: Müllabfuhr, Straßenreinigung, alles wird teurer. Roters plädierte als Erster dafür, den Solidarpakt Ost für einige Jahre aufzuheben. Und der SPD-Fraktionschef Martin Börschel will die Hotels, die ja soeben von der FDP reich beschenkt wurden, mit einer „Kulturförderabgabe“ belasten, schließlich würden die Hotels von all den Touristen profitieren, die wegen der Kultur nach Köln kämen. Leider sind das nicht mehr allzu viele: 80 Prozent der Gäste besuchen die Stadt heute wegen irgendwelcher Messen.

Als sich Köln um den Titel der Kulturhauptstadt bewarb, kutschierte man die verdutzte Auswahljury in einer Schokobimmelbahn durch die Stadt und drückte ihr am Ende einen Domstein mit Bananengraffito in die Hand, ganz so, als wolle man eine provinzielle Karnevalsdelegation mit einer Handvoll Bonbons abspeisen. Als Köln in der Endauswahl dann Essen unterlag, war der Schreck doch groß. Das saß. Auch als Folge dieses Schocks wurde beschlossen, den Kulturetat, der mit 3,1 Prozent weit niedriger lag als bei den meisten anderen deutschen Großstädten, Jahr für Jahr um ein halbes Prozent anzuheben. Ein Kulturentwicklungsplan wurde in Auftrag gegeben, der Kulturdezernent Georg Quander berief Karin Beier als Schauspielintendantin.

So viel zur Verteidigung der Stadt. Gleichzeitig kann man gerade am Schauspiel gut festmachen, warum es in Köln auch um selbstverschuldetes Krisenmanagement geht. Das Schauspielhaus soll abgerissen und ein paar Meter weiter neugebaut werden. Das Ganze sollte maximal 230 Millionen Euro kosten, es wurde aber schnell bekannt, dass sich die Kosten auf mindestens 364 Millionen belaufen würden, auch weil rätselhafterweise keinerlei Haustechnik eingeplant und von einem Bau auf der grünen Wiese ausgegangen worden war.

Nun kann die Stadt Köln, die ja Wert auf ihre reiche Tradition legt, auch in Sachen Kostenexplosionen auf eine reiche Geschichte zurückblicken: Die Skandal-U-Bahn, die unter dem zerstörten Stadtarchiv langläuft, kostet statt der veranschlagten 500 Millionen mehr als eine Milliarde, und auch der Bau des Rautenstrauch-Joest-Museums hat sich um 50 Prozent verteuert. Nach dem Entsetzen über den Einsturz des Archivs und angesichts leerer Kassen konnte der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma den teurer gewordenen Neubau des Schauspiels aber nicht durchwinken, sondern schickte die Planung zurück an den Start. Was aber tat der Stadtrat? Er beschloss einfach erneut den Neubau, diesmal für 295 Millionen, in einer nächtlichen Sitzung, mit schütterer Mehrheit.

Man wollte diesen Neubau unter anderem, um die Betriebseinrichtungen der verschiedenen Bühnen in einem Gebäude zusammenzuführen. In der Billigversion des Neubaus aber wird es keine Werkstätten geben, keinen Orchesterprobenraum, keine Gastronomie und keinen Ort für das Ballett, also all die Dinge, wegen derer ein Neubau als unumgänglich bezeichnet wurde. Wäre es da nicht sinnvoller, das bestehende Haus zu sanieren? Das steht unter Denkmalschutz und ist, zusammen mit dem Opernhaus und den Opernterrassen, 1957 bis 1962 nach Plänen Wilhelm Riphahns realisiert, eines der schönstem Ensembles der Stadt. Der Neubau hingegen sieht in den Plänen aus wie eine Karstadthalle auf Steroiden, ein deprimierend einfallsloser Billigheimerkasten aus Glas, Resopal und Geltungssucht. Noch dazu wäre die Sanierung des Hauses, je nach Berechnung, zwischen 38 und 115 Millionen Euro billiger als der Neubau des Kummerkastens.

Die Antwort der Kölner Kulturpolitik auf all diese Argumente klingt nach Radio Eriwan: Im Prinzip stimmt das alles, aber wenn wir den Plan jetzt wieder umschmeißen, würde das doch provinziell wirken, war doch nun mal beschlossene Sache. Nun ja, möchte man einwenden, es war auch beschlossene Sache, dass die Weltwirtschaft weiter wachsen möge, was sie dann aber 2009 nicht mehr tat.

Nun wäre Köln nicht Köln, wenn nicht zeitgleich mit dem irrationalen Neubaubeschluss auch noch bekannt geworden wäre, dass der künstlerische Etat von Oper und Schauspiel um 12,5 Prozent gekürzt wird, das wären 6,5 Millionen, ein Todesurteil auf Raten. Das Gute an der Krise aber ist: Die finanzielle Not im Verein mit der arroganten Bräsigkeit der Verwaltung und dem Schock über den Archiveinsturz haben bei den Kölnern, die seit Jahren in einer Art „Frustrationsvakuum“ (Merlin Bauer) leben, den Zorn geweckt. Oder sollte man sagen: den Bürgersinn? Jedenfalls haben sich Initiativen wie „Köln kann auch anders“ und der „Kölner Komment“ gegründet, die nun gemeinsam mit der Stadtrevue eine öffentliche Debatte über Kölns Zukunft führen, um dem so skandalösen wie für die Stadt beschämenden und hochgradig schädlichen Filz aus Politik und Wirtschaft etwas entgegenzusetzen.

Bauers Karnevalswagen gehört zu diesen Aktionen, er war ein PR-Coup, um auf ein Bürgerbegehren zur Rettung des Schauspielhauses aufmerksam zu machen. Das scheint geklappt zu haben: Bislang haben bereits rund 12 000 Menschen unterschrieben. 30 000 müssen es bis Mitte März werden. Man kann der Stadt nur wünschen, dass sie diesmal auf ihre Bürger hört. Und man kann Deutschland nur wünschen, dass auch Kommunalpolitiker in einer Großstadt mit fast einer Million Einwohnern endlich Berufspolitiker sein dürfen. Schließlich kann man am Kölner Hobbypolitikverein sehen, wie fatal es ist, wenn Politik nebenher gemacht wird.

Schade eigentlich, dass dieser Artikel online nicht mehr zu finden ist.
Wer sich für das Bürgerbegehren interessiert klickt auf
Mut zu Kultur

Das oben erwähnte Lied gibt es als gezippte MP3.

Auch Text und Noten kommen als Zip

Text:

Ihr seid Künstler und wir nicht!

Ahnungslos, hirnverbrannt, abgetaucht wenn’s irgendwo mal brennt Größenwahn, seht scheiße aaaaaus und wer euch näher kennt weiß ihr seid impotent.

Ganze Häuser weg wer kann das schon, David Copperfield die reinste Illusion. Wirklich echt seid nur iiiiiiiiiihr, Arschlöcher, Sesselfurzer, ahnungslose Stellenkürzer, Messehallen, U-Bahnbau und co.

Doch seid nicht traurig denn wir bewundern euch, euer Weg der ist steinig und hart. Während andere noch denken sich die Hirne verrenken habt ihr eure Pläne schon gemacht. Iiiiiiihr habt immer alles schön schnell gemacht.

Ih ih ih ih Ihr seid Künstler und wir nicht Eure Ahnung die ham wir leider nicht Doch schon bald habt ihr uns beigebracht, wie man aus Geld Scheiße macht. Denn ihr seid Künstler und wir nicht Eure Ahnung die ham wir leider nicht. Doch schon bald habt ihr uns beigebracht wie man aus Geld Scheiße macht.

KVB! KVB? Jo ist Kunst Messehallen! Messehallen? Auch Kunst Gerhard Richter! Richter, Richter, Richter? Nein keine Kunst, der Mann ist doch Glaser Schauspielhaus! Ist keine Kunst das ist doch ein Gebäude. Aber wo sie es gerade erwähnen, das könnte man mal abreißen. Polke! Polke? Poldi heißt der. Ja ist auch Kunst. Stadtverwaltung! Kölner Stadtverwaltung? Ist nicht nur Kunst, ist sogar ein Gesamtkunstwerk. Trockel! Nein Trockel ist eine Strickwarenmanufaktur, gut gemacht aber doch keine Kunst. Oppenheim Esch! Ja das ist sogar eine Riesenfunz.

Ih ih ih ih Ihr seid Künstler und wir nicht Eure Ahnung die ham wir leider nicht Doch schon bald habt ihr uns beigebracht, wie man aus Geld Scheiße macht. Denn ihr seid Künstler und wir nicht Eure Ahnung die ham wir leider nicht. Doch schon bald habt ihr uns beigebracht wie man aus Köln einen Haufen Scheiße macht.

Musik & Produktion: Andreas Schilling, Text & Gesang: Thomas Schilling, Mastering: Marcus Schmickler, Chor: COLONIACS und Mitglieder des St. Andreas Chor