von wegen „geistiger Kleingärtner“

Veröffentlicht: 15. September 2016 in Garten, Köln, Klimaschutz, Nicht kategorisiert, Politik, Soziales, Stadtentwicklung, Umwelt

ein Plädoyer für den Kleingarten

Auch wenn der langjährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion,Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner (Porträt) Herbert Wehner den Begriff „geistiger Kleingärtner“ als Schimpfwort einführte, so zeigt das lediglich bei ihm und allen, die diesen Begriff abwertend benutzen, wie wenig sie über die Gartenfreund*in, die Kleingärtner*in oder die Schrebergärtner*in wissen. Auch der Begriff „Laubenpieper“ ist eher abwertend, da er suggeriert, dass sich Hobbygärtner in ihren Gartenhäuschen (Lauben) gerne einen zwitschern (trinken/piepen).

Wahrscheinlich ist der Geisteszustand einer Kleingärtner*in oftmals höher anzusiedeln, als der einer Großgärtner*in, die innerhalb des kapitalistischen Systems arbeitet und in täglicher Konkurrenz den höchsten Profit auf Kosten von Umwelt und Mensch erzielen muss/will. Dagegen ist es für fast alle Kleingärtner*innen selbstverständlich, die Grundregeln des naturnahen Gärtnerns selbst zu praktizieren. So nutzen 97 % Regenwasser zum Bewässern und 96 % kompostieren. Besonders ausgeprägt ist das Bewusstsein für naturnahes Gärtnern bei jüngeren Kleingärtner*innen, die ihren Garten seit höchstens zehn Jahren bewirtschaften. Mehr als jede Zweite dieser Neu-Kleingärtner*innen (54 %) betreibt biologischen Anbau von Obst und Gemüse, fast zwei Drittel (61 %) verzichten auf Kunstdünger, mehr als vier Fünftel (82 %) lehnen chemische Schädlingsbekämpfung ab.

Gießen der PflanzenVon diesem kleingärtnerischen Geist, kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden. Natur- und Umweltschutz spielen bei Kleingärtner*innen eben eine wichtige Rolle. Befragt nach der Bedeutung, die ihr Kleingarten für sie persönlich hat, steht dieser Aspekt ganz oben – noch vor der Gesundheitsvorsorge und der Freude an der Gartenarbeit.

Damit leisten Kleingärtner*innen einen großen Beitrag zum Umweltschutz. Sei es in den Bereichen Diversity, Wasser- und Bodenschutz oder zur Verbesserung des Stadtklimas. So bieten Kleingärten der Allgemeinheit eine bessere Lebensqualität in den Städten durch Lärmverringerung, Staubbindung, Durchgrünung, Auflockerung der Bebauung, Biotop- und Artenschutz, Lebensraumvernetzung und klimatische Auswirkungen. Kleingärtner*innen hüten städtische Grünbereiche (rund 5 Millionen Quadratmeter in Köln), deren Pflege die Kommunen nicht mehr finanzieren wollen/können und bezahlen hierfür auch noch eine Pacht.

Willkommen im KleingartenDie soziale Rolle von Kleingärten in der Stadtgemeinschaft kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Mag manch einer denken: „ich hab lieber nen Park, da kann ich mit nem Einweggrill und nem Kasten Bier hingehen und andere machen den Dreck weg“ so freuen sich andere, dass sie ihre Familie, Freunde oder die Nachbarn in deren Kleingärten besuchen dürfen. Fast jeder kennt jemanden mit einem Kleingarten. Selbst schuld, wenn man das nicht ausnutzt, sondern lieber alleine auf einer Parkbank im eintönigen Stadtgrün sitzt. Im Kleingarten sind Senior*innen, Kinder, Migrant*innen, Jugendliche, Behinderte, Berufstätige, Alleinerziehende, Erwerbslose, Rentner*innen, kurz alle Menschen willkommen und treffen sich dort auch, denn ein guter Kleingartenverein achtet auf die Durchmischung seiner Mitgliedschaft.

Egal, ob der Kleingarten der teilweisen Selbstversorgung, der Erholung oder einfach der Geselligkeit dient. Er ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Umso tragischer, dass mancher die Existenz so manchen Kleingartens absichtlich und unnötig gefährden möchte, indem er rücksichtslos Autobahnabfahrten oder Einfamilienhäuser auf Flächen mit kleingärtnerischer Nutzung planen lässt. Die Stadt braucht definitiv mehr Kleingärten und nicht weniger. Derzeit kommen in Köln auf 100 Einwohner noch 1,2 Kleingärten. Schon damit liegt Köln weit hinter Hamburg, Berlin oder Frankfurt – von Bremen oder Hannover ganz zu schweigen. (das ist natürlich nur ein statistischer Durchschnittswert. So hat der Stadtteil Neubrück zwar ca.8800 Einwohner*innen, aber von den statistischen 105 Kleingärten gibt es keinen einzigen) Mit steigender Bevölkerungszahl bei stagnierender Anzahl ausgewiesener Kleingärten oder sogar deren Abbau wird diese Quote immer schlechter. Dem muss entschieden entgegen getreten werden. Auch aus diesem Grund ist es sonst irgendwann nicht nur nicht mehr schön, sondern auch immer weniger möglich in der Stadt zu leben.

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