Frösche im Kapitalismus

Veröffentlicht: 15. Juli 2015 in Alg II, Armut, Gedanken, Hartz IV, Kinderarmut, Politik, Soziales
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Sicher kennt Ihr das Experiment mit dem Frosch und dem heißen Wasser.
froschWirft man eine solche Amphibie experimentehalber in heißes Wasser, so wird der Frosch dieser unangenehmen Umgebung sofort zu entfliehen versuchen und mit einem Satz heraushüpfen. Setzt man das sensible Tier hingegen in ein mit Wasser gefülltes Gefäß und erhöht die Temperatur nur ganz allmählich in kleinen Schritten, so wird es die geringfügigen Veränderungen ertragen, sich jeweils an die Erwärmung gewöhnen und schließlich so lange verharren, bis es am Ende zu spät ist. Ein plötzlicher, starker Reiz löst als Kontrast der Umgebungsbedingungen bei Lebewesen, so lernt man daraus, eine starke aversive Reaktion wie Vermeidung durch Flucht oder Aggression aus; wird der Reiz dagegen nur Schritt für Schritt verstärkt, treten Anpassungs- und Gewöhnungseffekte ein, die sich auf längere Sicht ungünstig auswirken. So ähnlich, ist zu befürchten, verhält es sich mit der obrigkeitshalber zugemuteten Ausbeutung durch den Kapitalismus.

Insbesondere nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus in den Staaten des europäischen Ostblocks, wurde im vereinten Deutschland der so genannte Rheinische Kapitalismus, also die angeblich soziale Marktwirtschaft reformiert und immer radikaler in Richtung der kapitalistischen Marktwirtschaft geschleift, welche die Regierungen Ronald Reagans und Margaret Thatchers bereits eingeführt hatten.

Doch das geschah und geschieht nicht indem man die Menschen ins kochende Wasser der Ausbeutung wirft, sondern indem man mit einzelnen so genannten Reformen die Temperatur immer weiter erhöht. In 2003 hatte rotgrün mit der Einführung von Hartz IV (Viertes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 24. Dezember 2003 ab ab 01.01.2005 eingeführt) beinahe das Wasser zu schnell zu heiß gestellt und die Frösche, pardon die Menschen in Deutschland gingen in Massen auf die Straßen. Nicht zuletzt durch gewerkschaftlich organisierte Großdemonstrationen gelang es jedoch Dampf aus dem Kessel zu lassen und den Sprung zu verhindern.

Neben den Leistungen der Arbeitslosenversicherung wurden auch die Leistungen der Krankenversicherung (Einführung der Praxisgebühr und der Zuzahlungen für Medikamente und Hilfsmittel, Krankenhausaufenthalt, Rehabilitation, Heilmittel und anderes in 2004) mit jeder einzelnen so genannten Gesundheitsreform verschlechtert und mittlerweile deren paritätische Finanzierung aufgehoben. Auch das Rentenniveau sinkt bereits seit Jahren kontiuierlich und wird aufgrund verschiedener Reformen, insbesondere im Jahr 2001 (Altersvermögensergänzungsgesetz) und im Jahr 2004 (RV-Nachhaltigkeitsgesetz), wird das Leistungsniveau der Gesetzlichen Rentenversicherung bis 2030 um rund 20 Prozent sinken. Die durchgängige Prekarisierung der Arbeitswelt durch die Erleichterung für Minijobs, Leih- und Zeitarbeit  unter anderem durch die Gesetze I-III für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt sollten nicht vergessen werden. Schließlich ist es genau die Ware Arbeitskraft, die durch all diese Sozialraubmaßnahmen verbilligt werden soll.

Zu jeder einzelnen dieser Reformen ließen sich ganze Aufsätze wenn nicht Bücher schreiben und eigentlich hätten wir alle längst aus dem Topf springen müssen. Sind wir aber nicht. Man hat uns medial nämlich erklärt, dass unser Sozialsystem für uns eine Bedrohung sei. Wenn ein Sozialstaat den Preis der Arbeitskraft um einen Sozialaufschlag verteuert und mit einem Wirtschaftsraum konkurriert, der einen solchen Schutz und damit auch einen derartigen Sozialaufschlag nicht kennt, wirkt der Sozialstaat nicht mehr beschützend, sondern bedrohlich! Einer der Gründe für die Preisdifferenz zwischen den neuen und den alten Mitgliedern des Weltarbeitsmarkts ist der Sozialstaat, dessen Früchte die einen genossen, derweil die anderen ihn nur vom Hörensagen kennen. Die Mitglieder des Sozialstaates laufen Gefahr, ihrer beruflichen Existenz beraubt zu werden. Das wird ihnen so sehr verdeutlicht, dass sie plötzlich merken, das das was gestern noch eine Errungenschaft westlicher Zivilisation war, nun wie ein Klotz an ihrem Bein wirkt.

Anstatt aber für bessere Arbeitsbedingungen und einen Sozialstaat auch beim Konkurrenten zu kämpfen, lässt man sich lieber die hart erkämpften Sozialleistungen streichen. Ganz nach dem Motto: „Chef zieh mir die Stunde nen Euro ab, aber schmeiß mich nicht raus.“ Nach genau diesem Prinzip verlaufen ja auch die Gespräche zur angeblichen Rettung von Autofabriken oder Kaufhäusern.

Die Gegner des Sozialstaats begrüßen die weltweite Arbeiterinflation freudigerregt. Sie ist erwiesenermaßen die wirkungsvollste Methode, den Sozialstaat zu schleifen. Noch immer besitzen rund 75 Prozent der Weltbevölkerung keine Arbeitslosenversicherung, was ihnen zum Nachteil, ihren Produkten aber zum Vorteil gereicht. Das Risiko von Krankheit, Armut und Alter tragen sie selbst und eben nicht die Produkte, die sie herstellen. Im Westen ist es teiweise noch umgekehrt.

Die Arbeitsnachfrage wechselt nun von einem Staat zum anderen und natürlich bevorzugt sie solche Staaten, die ihr möglichst geringe soziale Zusatzkosten zumuten. Also demnächst statt Rumänien eben Griechenland und dann vielleicht die Niederlande und so weiter.

Viele hielten die Soziale Marktwirtschaft für das Endstadium der Geschichte und müssen sich nun einen kolossalen Irrtum eingestehen. Der Kapitalismus hat mit Hilfe eines globalen Arbeits- und Finanzmarkts seine Reichweite gesteigert. Der Markt hat an Kraft, Geschwindigkeit und scheinbar auch an Unvermeidbarkeit gewonnen. Der soziale Triumph von gestern ist verblasst. Der Kapitalismus erhält seine Ursprünglichkeit zurück. Mit der Unterwerfung der demokratisch gewählten, linken griechischen Regierung unter das Diktat des Kapitals blitzt die hässliche Fratze des Dorian Gray auf, welche uns sofort als das gütig, freundliche Kümmerlächeln unserer Staats-Mutti verkauft wird.
Es wird langsam Zeit aus dem Topf zu springen!

  • Fordern wir hier unsere Sozialleistungen zurück und weitere dazu.
  • Erkämpfen wir uns hier eine auskömmliche Entlohnung für die Arbeit.
  • Setzen wir hier ein bedingungsloses Grundeinkommen durch.
  • Verlangen wir zurück und dazu, was uns zusteht und wir helfen allen abhängig Beschäftigten in der ganzen Welt.
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