Rabatt für Nachtflüge

Veröffentlicht: 10. Februar 2012 in DIE LINKE, Für Sie gelesen, Gesundheit, Köln, NRW, Politik, Stadtbezirk Kalk, Stadtentwicklung, Umwelt

Es gibt Tage an denen man die Zeitung liest und am liebsten laut los brüllen möchte. Gestern war so ein Tag. Unter anderem war im Kölner Stadtanzeiger ein Interview mit Flughafen-Chef Michael Garvens zu lesen.
Darin wurde prognostiziert, dass das Fliegen gerade auf der Langstrecke billiger werden würde.

Garvens: „Dann werden viele neue Direktverbindungen an den großen Drehkreuzen vorbei entstehen.“

Na super, darauf hab ich gewartet, endlich noch mehr Flugzeuge am Kölner Himmel. Viel interessanter aber ist der folgende Passus:

    Garvens: „Leider ist es so, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Fracht sehr unterschätzt wird. Ich glaube, dass wir erst am Anfang der Globalisierung stehen. Dass wir hier eine weltumspannende und schnelle Logistik vor Ort haben, ist, bei allen negativen Effekten, ein riesiger Vorteil. In der Diskussion fokussiert man sich zu sehr auf die Lärmthematik.“

Das muss man erst mal sacken lassen. Beim ersten Lesen, hätte ich Garvens gerne entgegen geschleudert: „Sie haben gut reden, aber diese „Lärmthematik“ beeinträchtigt ja massiv mein Leben! Was glauben Sie warum ich mich darauf fokussiere?“ Aber seit dem sind 24 Stunden vergangen und ich habe nachgedacht. Garvens hat Recht!. Warum? – Dazu später mehr. Ich will mal weiter entlang des Interviews gehen.

    Garvens: „Fluglärm ist eine Belastung. Aber ich halte ein Passagier-Nachflugverbot für unsinnig, weil man damit die mit Abstand leisesten Maschinen aus der Nacht herausnehmen würde. Damit wäre keinem geholfen.“

Hier möchte ich Ihnen im ersten Punkt uneingeschränkt Recht geben, denn Lärm und somit auch Fluglärm ist nicht nur eine Belastung, sondern gesundheitsschädlich und eventuell lebensverkürzend. Das hätte er ruhig auch erwähnen dürfen. Widersprechen möchte, nein muss ich Herrn Garvens aber im zweiten Teil. Ein Passagier-Nachflugverbot ist keineswegs unsinnig, denn selbst die leisesten Maschinen, sind ja nicht geräuschlos. JEDE Lärmminderung ist ein Fortschritt! Zu behaupten, dass damit „keinem geholfen“ wäre, zeigt nur, dass Herr Garvens das Gesundheitsrisiko Lärm noch nicht verstanden hat. Wenn Garvens behauptet, dass die Menschen bei einem Passagier-Nachflugverbot merken würden, „dass keine Entlastung eintritt“, dann hat er nur insofern Recht, dass man es objektiv nicht wahrnimmt, so lange die lauten Frachtmaschinen durch die Nacht rauschen. Neulich hat mal jemand gesagt: „Wenn ich nachts um 4 Uhr von so nem lauten Frachtflieger geweckt werde, dann bin ich nicht wirklich beruhigt, dass die Passagiermaschine die 5 Minuten später kommt, nicht mehr ganz so laut ist.“ Aber ohne den lauten Frachtflieger, hätte er nur 5 Minuten länger geschlafen, bis ihn die leisere aber immer noch laute Passagiermaschine aus dem Schlaf gerissen hätte.

Fokussieren wir uns wieder auf die Lärmthematik.

Eigentlich hat Garvens hier nämlich eine gute Idee. Er will mit finanziellen Hebeln und über die Gestaltung der Start-und-Lande-Gebühren das Lärmproblem angehen. DIE LINKE. Köln schrieb in ihrem Kommunalwahlprogramm 2009:
„Durch gestaffelte Start- und Landegebühren sollen Anreize geschaffen werden, die Flüge tagsüber abzuwickeln. Diese Anreize sind in der Art zu gestalten, dass die Nachtflüge langfristig unökonomisch werden.“

Dieser Lösungsansatz hätte noch den finanziellen Vorteil, dass der Flughafen die zunächst erzielten zusätzlichen Einnahmen in weiteren Lärmschutz hätte investieren können. Aber Garvens setzt den Hebel anders rum an. Statt Gebühren zu erhöhen, will er Gebühren senken.

    Garvens: „Wir wollen den Gesellschaften einen Anreiz bieten, auch in Köln schnell die leiseren Boeing 777 einzusetzen. Über einen Zeitraum von drei Jahren wollen wir dafür die Start-und-Lande-Gebühren in erheblicher Größenordnung reduzieren: Im ersten Jahr geben wir einen Rabatt von 40 Prozent, im zweiten Jahr von 20, im dritten Jahr von zehn Prozent. Auf der Basis von fünf wöchentlichen Umläufen wäre das im ersten Jahr eine Einsparung von einer halben Million Euro pro Flugzeug. Wir sprechen also von signifikant hohen Beträgen.“

Das wird aber NICHT dazu führen, dass Maschinentypen ausgetauscht werden, sondern, dass Gesellschaften, die bereits diese Maschinen besitzen, zusätzlich nach Köln fliegen werden, da es dort Subventionen abzuholen gilt. Das nächtliche Flugaufkommen, würde also steigen. Na herzlichen Glückwunsch.

Am Schluss des Interviews darf Garvens drei Wünsche formulieren:

    Garvens: „Die Abschaffung der nationalen Luftverkehrssteuer, keine weitere Liberalisierung der Bodenverkehrsdienste, und dass die Politik nicht fortwährend den Luftverkehr reglementiert.“

Ich wünsche mir:

  1. die Einführung einer Kerosin-Steuer
  2. Umdenken bei den Menschen, dass den wachsenden Transport-Irrsinn stoppt.
  3. dass die Politik den Luftverkehr stärker reglementiert

Mein Wunsch Nummer 2 steht in enger Verbindung mit einer der oberen Aussagen, bei welcher ich Garvens zustimmte: „In der Diskussion fokussiert man sich zu sehr auf die Lärmthematik.“

Ja es stimmt, die gleichen Menschen, die in der Nacht aus dem Schlaf geschreckt werden, weil eine laute Frachtmaschine über sie hinwegdonnert, gehen am Morgen zum Discounter und kaufen sich Rosen aus Afrika oder Lateinamerika, Tomaten aus Israel  oder Thunfisch aus dem Pazifik. Dann müssen sie schnell nach Hause, da der Einkauf aus dem online-shopping gebracht wird, dort hat man schließlich die 24h- oder Übernacht-Funktion auswählen können. Hier ist eine Menge Aufklärungsarbeit und damit auch eine Veränderung des Verhaltens notwendig. Fangen wir damit an.

Aber so ganz will ich den Menschen dann doch nicht den Schwarzen Peter wieder zu schieben. Schließlich kann man im Internet noch ganz andere Sachen finden. So möchte beispielsweise die Stadt Hennef mal wissen, was da überhaupt drin ist in diesen Frachtmaschinen und für die nächste Sitzung der Fluglärmkommission diverse Anfragen an das Ministerium für Bauen und Verkehr gestellt und beantragt, das Thema „Luftfrachtarten“ auf die Tagesordnung zu setzen. Die Fragen im Wortlaut findet man hier .

Der oben bereits mehrfach zitierte Vorsitzende der Geschäftsführung des Köln-Bonner Flughafens, Michael Garvens wird auf einer Intitativenseite der Logistikbranche mit den Worten zitiert:

Deutschland ist Exportweltmeister. Wenn man nicht will, dass die Warenströme dauerhaft an Deutschland vorbeifliegen, sind nachtoffene Flughäfen schlicht und einfach unverzichtbar.“

in Verbindung mit Äußerungen von Gerhard Handke, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen die da lauten:

Nachtflugverbote belasten zunehmend die Logistik im Außenhandel. Die Exportnation Deutschland braucht praktikable Nachtflugregelungen für den reibungslosen Zugang zu den globalen Warenströmen. Für die deutschen Exporteure sind Nachtflüge in die USA, nach China und Übersee unerlässlich für die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ihrer Lieferungen von und an ihre Kunden weltweit,” […] „Deutschland ist als Logistikweltmeister auf die Einbindung in internationale Handelsströme angewiesen, andernfalls drohen Wohlfahrtsverluste,“

erkennt man wo der Hase lang läuft:

Nicht Fracht braucht die Nacht, sondern das global agierende Kapital, dass unabhängig von Sonn- und Feiertagen und unabhängig von Tages- oder Nachtzeit nur ein Ziel hat: sich in den Händen einiger weniger zu akkumulieren.

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Kommentare
  1. haeppi sagt:

    Nachtrag:
    heute war im Kölner Stadtanzeiger das folgende zu lesen:

    Land befürwortet Rabatt-Regelung

    Die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf ist bereit, eine neue Start- und Landegeldordnung für den Flughafen Köln/Bonn zu genehmigen. Flughafen-Geschäftsführer Michael Garvens hatte diese Neuregelung der Gebühren in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ angekündigt mit dem Ziel, den Einsatz leiserer Frachtflugzeuge insbesondere in der Nacht zu fördern.

    Allerdings sei diese Gebührenordnung noch keinem Entscheidungsgremium des Landes Nordrhein-Westfalen vorgelegt worden, sagte Horst Becker, (Grüne) Staatssekretär im Landesverkehrsministerium.

    Er wies darauf hin, dass die Start- und Landegeldordnung von den Anteilseignern – also dem Bund, dem Land NRW, der Stadt Köln sowie den Arbeitnehmervertretern – beschlossen werden müsse

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