Wochenendzitat: Das Portal von Elke Pistor

Veröffentlicht: 23. Juli 2011 in Für Sie gelesen, Persönliches, Wochenendzitat, Zitat

Eine kleine Leseempfehlung für die Urlaubszeit.

prolog

Köln 1388

Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen.
Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen.
Sie stand vor dem Petersportal, ohne Erinnerung daran,
wie sie hierhergekommen war.
Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich
herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub
wie ein schwarzer Trauerrand.
Du bist bei mir.
,.Ja, ich bin bei dir.., murmelte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie
nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem
Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele
verführen wollte.
In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in
den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit
jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört haue und ihm
gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht
und haue hier gestanden.
Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das
Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche
der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste
sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk
einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur
Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.
Irgendwann, so hauen ihr der Vater und der Bruder versichert,
würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes
klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer
Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein,
Jahr für Jahr.
Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem
Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie
der Möwen, die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen
Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.
Du bist bei mir, Anna.
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere
Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken
zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im
Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.
Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen
mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch
die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hauen gekocht und gebraten,
das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre
Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern
des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den
Gast, den sie morgen erwartete.
Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das
letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jah-
re? Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler
war seit Langem in alle Welt zerstreut.
Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem
er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine
Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag
feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch
heute lachen.
• Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister.., hatte er
gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten:
Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat
es mit Stolz.
Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen
hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche
Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und
auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in
den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die
Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des lebendigen.
Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und
den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von
der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen,
trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszü-
ge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem
Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große
Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.
Ich bin bei dir!
Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so
nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen
des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms
drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages
hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die
erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter
der Steinfiguren in ein graues Dunkel.
Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang
ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die
Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab,
bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder
sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens.
Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr
vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht.
Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?
Komm zu mir!
Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie
an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.
Erkenne mich!
Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in
dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt,
nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.
Erinnere dich!
Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr
die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den
Leib. Es riss an ihren Fesseln.
»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un
Moder nit mih heim. « Die Worte des Greven übertönten in ihrer
Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine
Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die
Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.
Sieh mich!
Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und
kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen
schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken
entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.
Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen.
Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung.
Und sie erinnerte sich an die Angst.
Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.
Und jetzt starb sie wieder.
Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr
Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.
»Du erinnerst dich an mich. «
»Ich erinnere mich an alles. «
»Ich war immer da. «
»Du warst bei mir. «
»Meine Liebe hat dich beschützt. «
»Wie konnte ich nur vergessen? «
»Das hast du nie. «
Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des
Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte
ihr seine Hand.

Das PORTAL
von Elke Pistor

Broschiert: 235 Seiten
Verlag: Emons; Auflage: 1., Aufl. (11. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3897058340
Preis: 9,90€

erhältlich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, wie beispielsweise

Buchhandlung für ausgesuchte Literatur Ulrich Klinger,
Rochusstr. 93
50827 Köln,
Tel.: 0221 / 530 46 58
e-mail: buchhandlung-klinger@netcologne.de
www.klinger.online.de
 
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