Die grünen Piraten (aus Welt am Sonntag 03-07-11)

Veröffentlicht: 3. Juli 2011 in Für Sie gelesen, Köln, Politik, Stadtentwicklung, Umwelt

Sie werfen heimlich Samenbomben oder bauen auf städtischen Brachflächen Gemüse an. Wie Städter aus Nordrhein-Westfalen das „Urban Gardening“ für sich entdecken

Endlich war es so weit. Wochenlang hatte Stefano C. seine Kiwipflänzchen gehegt und gepflegt. Jetzt packte er sie zusammen mit einem Spaten in einen Handkarren und zog damit nachts vor das Gebäude 103 der Kölner Universität. Dieser Bau hat den Charme eines Gefängnistrakts – und genau hier, umgeben von einer in Beton gegossenen Trostlosigkeit, stach Stefano C. den Spaten in den Boden. Neben dem Haupteingang setzte er eine Kiwipflanze aus. Ein Laternenmast dient ihr nun als Kletterhilfe.

Stefano C., 26 Jahre alt, ist Koch und freier Künstler. Und er nennt sich selbst Gartenpirat, oder auf englisch: Guerilla Gardener. Seit etlichen Jahren sind Guerilla-Gardening-Aktivisten in den Metropolen der westlichen Welt unterwegs, ihr Kampf gilt den Betonwüsten, heimlich säen und pflanzen sie, schon das kleinste Fleckchen Erde reicht ihnen, um ihre Saat und ihre Botschaft zu verbreiten: Macht die Städte grün! Ihre Galionsfigur ist der Londoner Richard Reynolds, und seit sein Buch vor zwei Jahren auf Deutsch erschien, treibt das Guerilla Gardening auch hierzulande neue Blüten. In fast allen Großstädten sind mittlerweile Verkehrsinseln und Baumscheiben zu sehen, die von unbekannter Hand liebevoll begärtnert werden. Von den Stadtverwaltungen wird das meist geduldet. „Mit gewissen Einschränkungen ist das vom Grünflächenamt sogar erwünscht“, sagt Stefan Palm, Sprecher der Stadt Köln. Man könne ja froh sein, wenn sich jemand unentgeltlich um die Beete kümmere. Allerdings bittet die Stadtverwaltung darum, man möge vorher Kontakt aufnehmen, „damit es auch eine gewisse Verpflichtung gibt, sich um die Pflanzen zu kümmern“, sagt Palm: „Sonst sieht es womöglich hinterher schlimmer aus als vorher.“

So können Garten-Guerilleros also relativ unbekümmert ihrer Leidenschaft nachgehen. Es werden sogar in aller Öffentlichkeit Kurse angeboten, in denen man lernt, gefährlich klingende Dinge zu bauen: Samenbomben. Das sind kleine Kugeln aus Lehm, Erde, Dünger und Blumensamen, die man mal eben im Vorbeigehen in eine Ritze im Asphalt werfen kann.

Stefano C. ist kein Freund von Samenbomben. Weil man bei denen nie wisse, ob etwas draus wird. Er benutzt für seine Aktionen auch keine Zier-, sondern Nutzpflanzen: Kürbisse, Zucchini, Kiwis. Denn es geht ihm um mehr als nur Verschönerung. Er wolle eine „Message“ vermitteln, so sagt er, und zum Nachdenken anregen – etwa über die Frage: „Wo kommt eigentlich mein Essen her?“ Allerdings begibt sich der Gartenpirat damit nun doch in rechtliche Grauzonen – denn genau genommen sei die landwirtschaftliche Nutzung öffentlicher Anlagen verboten, sagt Stadtsprecher Palm: „Ein Kartoffelacker oder ein Möhrenfeld auf dem Mittelstreifen einer Straße – das geht definitiv nicht.“

Nacht- und Nebelaktionen wie die von Stefano C. sind ohnehin nicht die Sache von Daniela Klütsch. Die 30-jährige Düsseldorferin, die mit Online-Marketing ihr Geld verdient und entsprechend viel Zeit am Computer verbringt, hat vor einiger Zeit bemerkt, dass ihr etwas fehlt: die Verbindung zur Natur, das Gefühl, mit den Händen in der Erde zu wühlen, das in ihrer Kindheit auf dem Land noch ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens war. „Einfach nur grün zu wählen, das reichte mir nicht mehr“, sagt sie. Sie wollte grün handeln. Und als sie einen Artikel über „Urban Gardening“ las, war ihr klar, was zu tun war. Sie suchte nach Gleichgesinnten und schloss sich schließlich dem Kölner Ableger des Netzwerks „Transition Town“ an. Dort traf sie auf Leute wie etwa Marcel Hövelmann, der sich vor drei Jahren noch damit zufriedengab, Samenbomben in betongraue Gleisbetten der Kölner Verkehrsbetriebe zu werfen. Heute kümmert er sich darum, dass aus guten Ideen Projekte werden, die von Dauer sind und Wirkung zeigen.

Anzeige
Daniela Klütsch ist derzeit an ihren Wochenenden damit beschäftigt, triste Balkone in Anbauflächen für Blumen und Gemüse zu verwandeln. Sie, die das Gärtnern von ihrer Mutter gelernt hat, zeigt nun anderen, wie man Setzlinge zieht und Ableger hochpäppelt – mit einfachsten Mitteln, in alten Getränkepackungen und Konservendosen. Andere Mitglieder des Netzwerks wollen bald schon in einem Park am Kölner Rathenauplatz Minze anbauen. Aus den Blättern soll dann in den umliegenden Cafés Tee gebraut werden.

Der Übergang von der spontanen Einzelaktion des „Guerilla Gardenings“ zum nachhaltigen Handeln des „Urban Gardenings“ ist vielerorts zu beobachten. Urban Gardening ist mehr als nur Blumenbeete in Baumscheiben häckeln. Es geht vielmehr darum, auf städtischem Gelände Nahrungsmittel zu produzieren. Deutsches Vorzeigebeispiel dieser Entwicklung ist der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg, wo seit zwei Jahren Anwohner auf einer Brachfläche Kräuter, Gemüse und Obst anbauen.

In Köln arbeitet nun Sabine Voggenreiter an etwas Vergleichbarem. Voggenreiter ist als Gründerin des Designfestivals „Passagen“ und des Architekturforums „plan“ weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Ihre neuesten Pläne beschäftigen sich damit, „wie man den einstigen Arbeiter- und Industrie-Stadtteil Ehrenfeld von unten entwickeln kann“. Ein wesentliches Element soll dabei das Urbane Gärtnern sein. „Es gibt hier in Ehrenfeld große Industriebrachen“, sagt Voggenreiter. Da liege es doch nahe zu überlegen, „ob man diese Flächen produktiv nutzen kann“.

Auch Voggenreiter geht es nicht nur darum, dass es schön und nett sein kann, gemeinsam zu gärtnern. „Man kann mit dem Anbau in solchen Flächen tatsächlich einen Bedarf decken“, sagt sie. Im April wurde bereits Spinat und Feldsalat verschenkt, der im sogenannten Ehrenfelder Designquartier angebaut wurde. 30 Apfel- und Birnbäume wurden vor einigen Wochen gepflanzt – in Containern, weil der Boden mit Giften der früheren Industrie belastet ist. In den nächsten Wochen sollen Ehrenfelder Bürger außerdem noch Gemüse und Salate anbauen. Und wenn alles gut geht, dann wollen Voggenreiter und ihre Mitstreiter auch das Gelände des alten Ehrenfelder Güterbahnhofs landwirtschaftlich nutzen – als Weinberg.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s