Wochenendzitat aus „Klimakriege“

Veröffentlicht: 24. Juli 2010 in Für Sie gelesen, Klimaschutz, Politik, Soziales, Umwelt, Wochenendzitat, Zitat

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Dieses Zitat entstammt aus einem meiner diesjährigen Sommerlesebücher. Der Anfang ist sehr vielversprechend und ich bin gespannt was noch kommen wird. Ich hoffe, dass es trotz allgemeinen Presselobs ein gutes Buch wird und ich seine Anschaffung nicht bereue. Mein Zitat ist in etwa so lang, wie man im Buchladen lesen würde. Unten gibts als PDF noch eine längere Leseprobe.

»Ein leises Klirren hinter mir ließ mich den Kopf drehen. Sechs Schwarze gingen hintereinander und quälten sich den Pfad hinauf. Sie schritten aufrecht und langsam, balancierten kleine Körbe mit Erde auf dem Kopf, und das Klirren begleitete jeden Schritt. […] Ich konnte ihre Rippen zählen, die Gelenke ihrer Glieder waren wie Knoten in einem Strick; jeder trug ein Halseisen, und alle waren mit einer Kette verbunden, deren gleichmäßig klirrende Glieder zwischen ihnen hingen.« Diese Szene, die Joseph Conrad in seinem Roman »Herz der Finsternis« beschreibt, spielt zur Blütezeit des europäischen Kolonialismus, von heute aus gesehen vor etwas mehr als hundert Jahren.

Die gnadenlose Brutalität, mit der die frühindustrialisierten Länder damals ihren Hunger nach Rohstoffen, nach Land und nach Macht zu befriedigen suchten und die den Kontinenten ihre Signatur aufprägte, ist den heutigen Verhältnissen in den westlichen Ländern nicht mehr abzulesen. Die Erinnerung an Ausbeutung, Sklaverei und Vernichtung ist einer demokratischen Amnesie zum Opfer gefallen, als seien die Staaten des Westens immer schon so gewesen wie jetzt, obwohl ihr Reichtum wie ihr Machtvorsprung auf eine mörderische Geschichte gebaut ist.

Stattdessen ist man stolz auf die Erfindung, Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte, praktiziert political correctness, engagiert sich humanitär, wenn irgendwo in Afrika oder Asien ein Bürgerkrieg, eine Überschwemmung oder eine Dürre den Menschen die Überlebensgrundlage nimmt. Man beschließt militärische Interventionen, um die Demokratie zu verbreiten und übersieht dabei, dass die meisten westlichen Demokratien auf einer Geschichte von Ausgrenzung, ethnischer Säuberung und Völkermord beruhen. Während sich die asymmetrische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in den Luxus der Lebensumstände in den westlichen Gesellschaften eingeschrieben hat, tragen viele Länder der zweiten und dritten Welt schwer an der Geschichte, die sie damals mit Gewalt überkam: Nicht wenige postkoloniale Länder haben es niemals zu stabiler Staatlichkeit, geschweige denn zu Wohlstand gebracht; in vielen Staaten wurde die Ausbeutungsgeschichte unter veränderten Vorzeichen fortgeschrieben, und in zahlreichen fragilen Gesellschaften stehen heute die Zeichen nicht auf Besserung, sondern auf weiteren Abstieg.

Zehnseitige Leseprobe als PDF

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