Wochendzitat: wie man bestechlich wird

Veröffentlicht: 16. Oktober 2009 in Wochenendzitat

Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du?

ach manchmal lese ich so genannte „Trivialliteratur“ und dann entdecke ich Erklärungen für das Leben:

[…] Bosse fasste Hans-Olof um die Schultern und drehte sich mit ihm zusammen so herum, sodass sie quer über den großen Parkplatz sahen. »Du kennst doch die Autos deiner Kollegen, oder? Weißt du, wer diesen Mercedes dort drüben fährt?«
»Ja. Ulrik.«
»Der nagelneue grüne Volvo da vom, mit Ledersitzen und allen Schikanen?«
»Björn, oder?«
»Genau. Und dieses rostzerfressene Wrack dort hinten, das vor Jahrhunderten einmal ein Fiat gewesen sein mag?«
»Lars.«
»Gut. Und jetzt denk an alle, die in der Abstimmung die Hand für Sofía Hernandez Cruz gehoben haben, und schau dir an, was sie für Autos fahren.«
Hans-Olof tat, wie ihm geheißen. Mit einem Gefühl, als löse sich der feste Boden unter ihm auf, erkannte er, dass mit Ausnahme von Marita Alling und ihm praktisch alle, die für Sofía Hernandez Cruz gestimmt hatten, teure, neue Autos fuhren, während die anderen mehr oder weniger alte, gebrauchte, nur mühsam über die Jahre gerettete Fahrzeuge ihr Eigen nannten.
»Das ist nicht wahr«, entfuhr es ihm.
»Es ist wahr«, sagte Bosse Nordin. »Du weißt es selbst. Vom Gehalt eines Wissenschaftlers kann man sich solche Autos nicht leisten.« •
Hans-Olofs Atem ging auf einmal nur noch stoßweise. »Sie sind bestochen? Alle?«
»Willkommen in der Wirklichkeit. Willkommen im Club der Eingeweihten.«
»Aber…? Bosse, wie ist das möglich? Du? Deine Börsentipps? Alles Schwindel?«
»Hilflose Versuche, die Unabhängigkeit zurückzuerlangen.«
Hans-Olof hatte das Gefühl, sich setzen zu müssen. Nein, am liebsten hätte er sich hingelegt. Er tastete nach Tabletten, aber die waren alle weit weg in seiner Schreibtischschublade. »Und wie lange geht das schon so?«
»Jahre«, bekannte der Zellphysiologe. »Erspare es mir, sie nachzuzählen.«
»Aber wieso? Ich meine … Geld ist doch nicht alles. Wir sind Wissenschaftler, Bosse, ich bitte dich. Wieso?«
»Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du? Sie tasten sich an dich heran, loten aus, wie weit du zu gehen bereit bist, locken dich über eine Schwelle nach der anderen. Zuerst sind da Einladungen zu Vorträgen, völlig unverdächtig, absolut korrekt. Nur dass das Hotelzimmer ein klein wenig luxuriöser ist als üblich und das Flugticket erster Klasse statt Business-Class, aber so was lässt man sich ja gefallen, nicht wahr? Irgendwann ist man auf einmal Hauptredner, wundert sich, wieso. Das Vortragshonorar ist atemberaubend, und zufällig kommt man an dem Abend mit einem Steueranwalt ins Gespräch, der auf eine Art und Weise aus dem Nähkästchen plaudert, dass man sich wie ein Idiot vorkommt, wenn man an seine Steuern denkt. Und am nächsten Tag schlagen die Veranstalter vor, den größten Teil des Honorars in bar und ohne Quittung auszuzahlen, es in Luxemburg oder Gibraltar zu investieren, in diversen Fonds und Aktien und so weiter, und man nickt und sagt ja und hat das Gefühl, dass man endlich auch dazugehört, dass man endlich einer von denen ist, die wissen, wie man es anpacken muss, das Leben …«
Hans-Olof konnte kaum glauben, was er hörte. »Und
dann?«

»Es ist die ganze Zeit gut gegangen. Und es hat nicht wehgetan. Ab und zu ein GefäIligkeitsgutachten, okay, aber das Sparkonto in der Schweiz wächst, also was soll’s? Eine kleine Auskunft unter Freunden? Scheiß auf die Vorschriften, wenn der nächste Vortrag in Thailand stattfindet.« Bosse hielt inne, nickte sinnend. »Alles Kinderkram natürlich. […]

 Im Buch wird ein Nobelpreis „gekauft“, aber im wahren Leben hat man plötzlich Beraterverträge oder Aufsichtsratsposten oder wird Lobbyist für ein Energieunternehmen….

Quelle: „Der Nobelpreis“ von Andreas Eschbach

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