Nachhaltigkeit in Forst und Holz

Veröffentlicht: 9. September 2009 in Für Sie gelesen, Forschung, Klimaschutz, Nicht kategorisiert, Umwelt

Wie bereits im Beitrag „Waldpolitik als Zukunftsaufgabe“ vom 09.08.09 angekündigt findet heute und morgen in Hamburg die Abschlusskonferenz des BMBF-Förderschwerpunktes „Nachhaltige Waldwirtschaft“ statt.
„In Deutschland ist eine andere Einstellung zum Wald und zur Waldpolitik erforderlich.“ Zu diesem Ergebnis kommen die Akteure aus Forst und Holz, aus Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften.
Über fünf Jahre hinweg forschten rund 380 Experten zu vielfältigsten forst- und holzfachlichen Themen sowie zu Fragen von Wissenstransfer, Bildung und Kommunikation.

Gemeinsam legen sie am 9. und 10. September in Hamburg zur Tagung „Nachhaltigkeit in Forst und Holz“ neue Antworten auf die alte Frage vor:

Wie der Wald genutzt werden kann, ohne ihn in seiner Regenerationsfähigkeit zu beeinträchtigen. Sie bilanzieren damit die Arbeit des Förderschwerpunktes „Nachhaltige Waldwirtschaft“, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Forschung für Nachhaltigkeit“ zwischen 2004 und 2009 mit rund 30 Millionen Euro gefördert hat. 25 Verbünde hatte sich unter dem Dach der „Nachhaltigen Waldwirtschaft“ zusammengefunden, moderiert und koordiniert wurde das Netzwerk am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Leipzig.

Die Bilanz fällt ebenso eindeutig wie vielfältig aus. Eindeutig ist:
Auch wenn die Holzpreise zurzeit niedrig sind – Holz ist und bleibt unter Druck. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Nachfrage wieder steigt und der nachwachsende Rohstoff wieder als Allheilmittel gegen Ressourcennot und zur CO2-Speicherung dienen soll. Doch können deutsche Forste und heimische Hölzer dies leisten? Wie überhaupt ist es um die Zukunft des deutschen Waldes bestellt im Spannungsfeld zwischen Klimawandel und Finanzkrise? Wie kann die Zukunft gestaltet werden im Spagat zwischen der Langlebigkeit des Ökosystems und der Kurzfristigkeit von Politik?
Prinzipiell ist sich die Wissenschaft einig: Der Klimawandel wird kommen. Das wohl wahrscheinlichste Szenario: Die Temperatur wird im jährlichen Mittel in den nächsten 50 bis 100 Jahren um zwei bis vier Grad Celsius steigen, der Niederschlag sich anders erteilen.

Starkregen, Dürreperioden, lokale Stürme und Nassschnee werden sich häufen. Zum Problem wird für den Wald die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel heranbraust. 100 Jahre sind nach menschlichen Maßstäben reichlich Zeit; für eine deutsche Buche ist das in der Regel gerade mal etwas mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit. Für den Wald selbst, sowohl für den einzelnen Baum als auch für den Bestand, heißt die Devise: Anpassung.

Die Anpassung kann auf verschiedenen Wegen erfolgen: Mit dem „klimaplastischen Laubmischwald“ werden baumartenreiche Waldgesellschaften gestaltet – die in ihrer Mischung fähig sind, eine größere Bandbreite von Umweltbedingungen abzufangen und auszugleichen.
„Risikostreuung im Wald bedeutet, ein vielfältigeres Waldbild anzustreben“, erläutert Dr. Martin Jenssen vom BMBF-Forschungsverbund NEWAL-NET. Werden die richtigen Baumarten in der richtigen Mischung miteinander kombiniert, dann können sich Wälder dauerhaft aus sich heraus weitgehend selbst organisieren und bedürfen lediglich einer geringen forstlichen Begleitung. Für die Zukunft hält ein solcher „klimaplastischer Wald“ mehrere Entwicklungspfade – „Freiheitsgrade“ – offen. In der Modellregion Schorfheide-Chorin lag der Fokus der NEWAL-NET-Forscher auf heimischen Laubbaumarten wie Buche, aber auch Stiel- und Traubeneiche, Hainbuche und Winterlinde, ja sogar Esche, Bergahorn und Vogelkirsche.

Derweil können auch neue Baumarten, sog. Fremdländer, eine Antwort auf den Klimawandel sein. Vor allem die Fichte, die in Deutschland mit 27 Prozent Anteil an der Waldfläche am weitesten verbreitete Nadelbaumart, wird vor allem an trockenen und sommertrockenen Standorten eine der Verliererinnen des Klimawandels sein. In die Bresche sollen Küstentanne, Douglasie oder Roteiche als neue Hoffnungsträger springen. Gerade die Küstentanne rückt aufgrund ihrer pfleglichen Eigenschaften und ihres raschen Wachstums in den Fokus. „Ihr Anteil wird in Zukunft deutlich steigen und die Fünf-Prozent-Marke überschreiten“, prognostiziert Prof. Dr. Hermann Spellmann aus dem BMBF-Forschungsverbund „Buche-Küstentanne“ für die Tanne aus Nordamerika.

Und schließlich kann dem Klimawandel durch die Sicherung und Erweiterung der genetischen Variabilität von Waldbaumarten begegnet werden. Derzeit prüft das Bayerische Amt für forstliche Saat- und Pflanzenzucht (ASP Teisendorf) in Feldversuchen, ob dies über das Einbringen süd- und südosteuropäischer Arten in hiesige Wälder erreicht werden kann oder ob heimische Buchen und Tannen auch in den für sie ungewohnt wärmeren Regionen gedeihen und somit auch der hier erwartenden Klimaänderung standhalten können. „Sollte sich in den Versuchen zeigen, dass die bayerischen Buchen mit den wärmeren Bedingungen in Bulgarien gut zurecht kommen, können wir weiter auf heimische Herkünfte setzen“, betont ASP-Leiterin Dr. Monika Konnert, die am BMBF-Forschungsverbund „Herkunftskontrolle“ beteiligt war.

Inwieweit sich diese Wege ergänzen, ist eine Frage an die Zukunft des Waldumbaus. Was jedoch bereits seit einem Vierteljahrhundert läuft, ist der Umbau von Nadelmonokulturen hin zu Misch- und Laubwäldern; dieser gründet sich vor allem auf die Buche, die hierzulande als standortgerechte Baumart schlechthin gilt. Im Laufe der Entwicklung erhöht sich der Anteil von Buche, Eiche & Co. an der Waldfläche; und auch wenn Laubbäume bis zu 40, 50 Jahre später als Nadelbäume hiebsreif sind, Laubholz wird bereits in 20 Jahren rund 48 Prozent der Holzernte ausmachen. Bisher sind es 38 Prozent. Ökologisch ist der Anbau standortgerechter Baumarten zweifelsohne ein Gewinn. Ob er es auch ökonomisch sein wird, hängt von der Nachfrage ab. Damit es sich für die Holzindustrie in Deutschland und in Mitteleuropa lohnt, von Fichte auf Buche und von Kiefer auf Eiche umzusteigen, bedarf es einer Produktpalette, die quantitativ umfangreich und qualitativ hochwertig ist.

In den beiden BMBF-Forschungsverbünden „Buchenholzmodifizierung“ und „OakChain“ entwickelten Experten aus Wissenschaft und Praxis gemeinsam Verfahren der Holzmodifizierung: Während die einen die Eigenschaften von Buchenholz auf zellulärer Ebene durch Imprägnierung und Vernetzung verändert haben; beeinflussten die anderen über eine Thermokammer die Zusammensetzung von Eichenholz. Im Ergebnis weisen beide Holzarten die Vorteile von Tropenholz auf: Dauerhaftigkeit, Dimensionsstabilität, Fäulnisresistenz und Witterungsbeständigkeit. So lassen sich nach der ökologisch unbedenklichen Modifizierung Skateboards und Saunastühle, Gartenmöbel und Holzterrassen, Außentüren und Pfähle herstellen – und es ist nicht allein gelungen, Kohlenstoff in Form hochwertiger Produkte zu binden, sondern zugleich Tropenholz adäquat durch heimische Laubhölzer zu ersetzen.

Deutsche Forste und heimische Hölzer können dem Klimawandel standhalten und zugleich gewinnbringend bewirtschaft werden. Voraussetzung jedoch ist: Die Nutzungskonflikte rund um den Wald zu erkennen und zu lösen. Die Rohstoffversorgung für die Bauindustrie und andere Branchen, der Bedarf an regenerativen Energien, der Schutz des Klimas und der Biodiversität, der Wunsch nach Erholung und Regeneration – all diese verschiedenen, teils gegensätzlichen Ansprüche an den Wald erfordern eine gesellschaftliche Verständigung.

Werden nicht heute die Weichen gestellt für die Waldnutzung der Zukunft, sind die Spielräume der Waldnutzung für Generationen eingeschränkt. Galt das Gebot der Nachhaltigkeit ursprünglich dem Gleichgewicht zwischen ökologischer Stabilität und wirtschaftlicher Nutzung, so bedingen heute die ökologischen Konsequenzen des Klimawandels nicht allein ökonomische Anpassungen, sondern sie erfordern ein Denken in Langfristigkeit. Dafür muss Waldpolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden und gestaltet werden – über Interessengruppen und Ressortgrenzen hinweg.

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