Wochenendzitat: „Alles für alle und zwar umsonst“ in preisgekröntem Buch

Veröffentlicht: 25. Juli 2009 in Wochenendzitat, Zitat
Titel

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Derzeit lese ich das Buch „Wochenend in Zuidcoote“ (original: „Weekend à Zuydcoote“) von Robert Merle aus dem Jahr 1950. Es war das erste Buch eines damals Zweiundvierzigjährigen. Ein Buch in dem die Ausweglosigkeit des modernen Krieges und die Fragwürdigkeit unseres Daseins einen äußerst realistischen Ausdruck gefunden haben. Trotz des fast beiläufigen und harmlosen Titels „Wochenend in Zuidcoote“ (so ähnlich wie „ein Wochenende im Freibad – juhu“)handelt es sich hierbei um ein französisches Kriegsbuch. Der Roman hat seine Handlung am Wochenende 1. und 2. Juni 1940 während der Schlacht um Dünkirchen. Auf dem überhasteten Rückzug vor den deutschen Truppen sammeln sich versprengte britische und französische Truppen rund um die Stadt Dünkirchen. Britische Truppen werden von den Stränden um Dünkirchen aus nach England eingeschifft, aber den französischen Soldaten wird der Zugang zu den Evakuierungsschiffen verwehrt. So irren die Soldaten orientierungslos, ohne Moral und Disziplin in den Dünen bei Zuydcoote und Bray-Dunes umher.
Der Autor Robert Merle selbst war einer von ihnen und man findet in dem Roman so viel authentisches, dass es bei der Veröffentlichung sogar zu einer Klage des hier zitierten Taxifahrers kam. Merle hatte nicht nur dessen Worte übernommen, sondern auch den echten Namen.

Jedenfalls stieß ich auf dieses Textstück bei der Lektüre und fand darin die Idee „Alles für alle und zwar umsonst“ wieder:

[…]«Ihr habt nach den Mädels gepfiffen.»

«Ja. Man pfiff nach den Mädels. Na, ich sage dir, da hat sich was getan! Wir hatten Kumpels, die haben all ihre Munition verpulvert mit den Mädels, im Wagen. So einer bin ich nicht. Solche Weiber ! lohnt sich nicht, daß man sich anstrengt. Ich saß, und das Mädel mußte sich vor mir hinknien. Ist dir das klar? Wie ein Pascha saß ich da, im Fond, und spielte den Herrn Direktor, und das Mädel kniet vor mir ! Da fühlst du, daß du ein Mann bist, verstehst du! ,Johann, Sie können fahren! Manch­mal kaufte ich mir vorher eine dicke Zigarre, grade da­für. Begreifst du das? Ich im Fond, richtig in den Pol­stern, die Zigarre in der Schnauze, wie der dicke Direk­tor mit seiner Sekretärin. Das Mädel kniet vor mir, be­greifst du das? Wie ein Generaldirektor, begreifst du das? Der Generaldirektor selbst. Und das für zehn Francs.»

«Scheint mit hauptsächlich Einbildung. Ist eigentlich nicht viel wert.»

« Zugegeben, zugegeben, entgegnete Nittel lebhaft, «aber für zehn Francs! Stell dir vor, für zehn Francs! Da gab es sogar Kumpels, die kostete das keinen Sou. Die lie­ßen die Mädels hinterher sitzen, ohne was zu bezahlen.»

«Das war ziemlich gemein.»

Nittel heftete seinen naivsten Blick auf Maillat.

« Gemein? Wieso? Gemein gegen wen? Gegen die Mä­dels? Aber solche Mädels, das muß du doch selbst sagen, was ist denn da dran! Das lohnt ja nicht, davon zu reden. Immerhin, ich hätt‘ das auch nicht getan. Aber bei mir, weißt du, ist das was anders, ich hab‘ meine Grundsätze.»
« Denn du mußt wissen,» fügte er nach einer Weile hinzu~ «ich bin auch bei den Pfaffen zur Schule gegangen.»

Maillat lächelte und zog ein Paket Gauloises aus der ‚Tasche: «Eine Zigarette?»

«Du wirst bald selbst keine mehr haben.»

«Nimm nur. Sie waren nicht teuer. Der Händler hat nicht gewollt, daß ich sie bezahle.»

«Nein!» rief Nittel und hörte auf zu schieben, « das ist nicht wahr!»

«Ist wahr, wie ich hier stehe.»

«Willst du mich auf den Arm nehmen?»

«Aber nein.»

«Er hat nicht gewollt, daß du sie bezahlst?»

« Nein»

«Er hat dein Geld nicht genommen?»

«Nein! »

«Na, sag‘ mall Das ist kaum glaublich Er hat dein Geld nicht genommen. Der war wohl nicht ganz richtig, der Bursche?»

«Doch. Er war demoralisiert, das ist alles.»

«Demoralisiert?» fragte Nittel. «Du hast so Ausdrücke! Demoralisiert! Mir wär’s recht, sie wären alle demoralisiert, die Burschen! Das wär‘ so ’ne Sache. Da ging‘ man in ’nen Laden und sagte: Ich will das und das, und schnell!‘ Man wickelt’s ein, tut dir noch schön und hoppt raus bist du, ohne zu bezahlen! Das wär‘ so ’ne Sache!*

«Dann würde man dir für deine Fahrerei auch nichts bezahlen. »

«Das könnt‘ mir doch egal sein, wenn alles ohne Geld zu haben wär‘. Da würd‘ man’s sozusagen vom großen Haufen nehmen.»

«Und die Mädels?» sagte Maillat mit einem Lächeln. «Ebenfalls! Die Mädels umsonst. Vom großen Haufen! Man nimmt’s vom großen Haufen, die auch. Da hätten wir so’n Leben, sag‘ selbst!»

«Weißt du», fuhr er fort, «vor diesem Scheißkrieg war man auch nicht unglücklich. Man war sogar glücklich, […]

Quelle: Seiten 18+19 aus
"Wochenend in Zuidcoote"
(original: "Weekend à Zuydcoote")
von Robert Merle
1950 by Biederstein Verlag GmbH München
gebundene Ausgabe mit 273 Seiten
Da gehts lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Da geht's lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Außerdem wurde das Buch von Paul Dufour und Henri Verneuil im Jahr 1964 verfilmt. Jean-Paul Belmondo spielte den Julien Maillat. Der Originaltitel entsprach dem des Romans. Auf deutsch heißt der Film „Dünkirchen, 2. Juni 1940“ und wird meistens am 2. Juni im Nachtprogramm von ARTE gezeigt.
Prisma.de vergibt das Prädikat: sehenswert

Robert Merle (* 28. August 1908 in Tebessa, Algerien; † 28. März 2004 in Paris) war ein französischer Schriftsteller und Romancier. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er 1972 durch seinen Roman Malevil bekannt, der die Folgen eines Atomkrieges zum Thema hat. Daneben schrieb Merle auch eine Biografie des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro und Theaterstücke.
Bis zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan war Merle Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei.

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