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Wochendzitat: wie man bestechlich wird

Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du?

ach manchmal lese ich so genannte „Trivialliteratur“ und dann entdecke ich Erklärungen für das Leben:

[…] Bosse fasste Hans-Olof um die Schultern und drehte sich mit ihm zusammen so herum, sodass sie quer über den großen Parkplatz sahen. »Du kennst doch die Autos deiner Kollegen, oder? Weißt du, wer diesen Mercedes dort drüben fährt?«
»Ja. Ulrik.«
»Der nagelneue grüne Volvo da vom, mit Ledersitzen und allen Schikanen?«
»Björn, oder?«
»Genau. Und dieses rostzerfressene Wrack dort hinten, das vor Jahrhunderten einmal ein Fiat gewesen sein mag?«
»Lars.«
»Gut. Und jetzt denk an alle, die in der Abstimmung die Hand für Sofía Hernandez Cruz gehoben haben, und schau dir an, was sie für Autos fahren.«
Hans-Olof tat, wie ihm geheißen. Mit einem Gefühl, als löse sich der feste Boden unter ihm auf, erkannte er, dass mit Ausnahme von Marita Alling und ihm praktisch alle, die für Sofía Hernandez Cruz gestimmt hatten, teure, neue Autos fuhren, während die anderen mehr oder weniger alte, gebrauchte, nur mühsam über die Jahre gerettete Fahrzeuge ihr Eigen nannten.
»Das ist nicht wahr«, entfuhr es ihm.
»Es ist wahr«, sagte Bosse Nordin. »Du weißt es selbst. Vom Gehalt eines Wissenschaftlers kann man sich solche Autos nicht leisten.« •
Hans-Olofs Atem ging auf einmal nur noch stoßweise. »Sie sind bestochen? Alle?«
»Willkommen in der Wirklichkeit. Willkommen im Club der Eingeweihten.«
»Aber…? Bosse, wie ist das möglich? Du? Deine Börsentipps? Alles Schwindel?«
»Hilflose Versuche, die Unabhängigkeit zurückzuerlangen.«
Hans-Olof hatte das Gefühl, sich setzen zu müssen. Nein, am liebsten hätte er sich hingelegt. Er tastete nach Tabletten, aber die waren alle weit weg in seiner Schreibtischschublade. »Und wie lange geht das schon so?«
»Jahre«, bekannte der Zellphysiologe. »Erspare es mir, sie nachzuzählen.«
»Aber wieso? Ich meine … Geld ist doch nicht alles. Wir sind Wissenschaftler, Bosse, ich bitte dich. Wieso?«
»Angefangen hat es ganz harmlos. Solche Dinge fangen immer ganz harmlos an, weißt du? Sie tasten sich an dich heran, loten aus, wie weit du zu gehen bereit bist, locken dich über eine Schwelle nach der anderen. Zuerst sind da Einladungen zu Vorträgen, völlig unverdächtig, absolut korrekt. Nur dass das Hotelzimmer ein klein wenig luxuriöser ist als üblich und das Flugticket erster Klasse statt Business-Class, aber so was lässt man sich ja gefallen, nicht wahr? Irgendwann ist man auf einmal Hauptredner, wundert sich, wieso. Das Vortragshonorar ist atemberaubend, und zufällig kommt man an dem Abend mit einem Steueranwalt ins Gespräch, der auf eine Art und Weise aus dem Nähkästchen plaudert, dass man sich wie ein Idiot vorkommt, wenn man an seine Steuern denkt. Und am nächsten Tag schlagen die Veranstalter vor, den größten Teil des Honorars in bar und ohne Quittung auszuzahlen, es in Luxemburg oder Gibraltar zu investieren, in diversen Fonds und Aktien und so weiter, und man nickt und sagt ja und hat das Gefühl, dass man endlich auch dazugehört, dass man endlich einer von denen ist, die wissen, wie man es anpacken muss, das Leben …«
Hans-Olof konnte kaum glauben, was er hörte. »Und
dann?«

»Es ist die ganze Zeit gut gegangen. Und es hat nicht wehgetan. Ab und zu ein GefäIligkeitsgutachten, okay, aber das Sparkonto in der Schweiz wächst, also was soll’s? Eine kleine Auskunft unter Freunden? Scheiß auf die Vorschriften, wenn der nächste Vortrag in Thailand stattfindet.« Bosse hielt inne, nickte sinnend. »Alles Kinderkram natürlich. […]

 Im Buch wird ein Nobelpreis „gekauft“, aber im wahren Leben hat man plötzlich Beraterverträge oder Aufsichtsratsposten oder wird Lobbyist für ein Energieunternehmen….

Quelle: „Der Nobelpreis“ von Andreas Eschbach

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Wochenendzitat: Wochenend in Zuidcoote

Ich hatte ja bereits letzten Samstag unter Wochenendzitat: “Alles für alle und zwar umsonst” in preisgekröntem Buch ein Zitat aus dem Buch gebracht.
Hier nun möchte ich die Klappentexte zitieren, welche selbst aus der französischen Presse zitierten:

Merle erzählt diese Geschichte, die vom Lärm und Grauen des Krieges erfüllt ist, mit bewundernswerter Selbstbe-herrschung. An keiner Stelle dieser beispiellosen Tragödie hören die handelnden Personen auf, einfach und natürlich zu sein. Merle hat ohne Zweifel bei den amerikanischen Romanciers die Kunst des Aussparens gelernt: wie sie weiß er zu schweigen und uns das Wesentliche ‚unter der Hand’ beizubringen. Sein Bericht rollt mit der Unerbittlichkeit der modernen Tragödien Steinbecks oder Faulkners ab. Die Sprache, die er spricht ist kraftvoll und wahr.

Figaro Littéraire


 Ein Roman? Gewiss! Aber geschrieben wie ein Zeugnis der Zeit. Man kann die Wahrheit nicht besser ausdrücken. Ein ungewöhnliches Buch.

Carrefour


Merle-TitelWie man unschwer auf dem Bild erkennen kann, ist meine fast 60 Jahre alte Ausgabe schon ein bisschen ‘mitgenommen’. Leider ist das Buch im Buchhandel auch nicht mehr erhältlich. Also Augen auf bei Flohmärkten und Antiquariaten. Ich habe es geradezu verschlungen das Buch und bin sehr beeindruckt davon. Wesentlich mehr, als es der Film konnte. Wenn sich die Bilder im eigenen Kopf statt auf der Leinwand oder dem Fernseher abspielen, ist man näher dran. Da ich die Gegend auch noch kenne, wo dieses Buch spielt, war mir alles noch viel vertrauter.

 Und als Appetithäppchen für alle –  noch ein Zitat daraus

Seiten 189-195

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Wochenendzitat: „Alles für alle und zwar umsonst“ in preisgekröntem Buch

Titel

Titel

Derzeit lese ich das Buch „Wochenend in Zuidcoote“ (original: „Weekend à Zuydcoote“) von Robert Merle aus dem Jahr 1950. Es war das erste Buch eines damals Zweiundvierzigjährigen. Ein Buch in dem die Ausweglosigkeit des modernen Krieges und die Fragwürdigkeit unseres Daseins einen äußerst realistischen Ausdruck gefunden haben. Trotz des fast beiläufigen und harmlosen Titels „Wochenend in Zuidcoote“ (so ähnlich wie „ein Wochenende im Freibad – juhu“)handelt es sich hierbei um ein französisches Kriegsbuch. Der Roman hat seine Handlung am Wochenende 1. und 2. Juni 1940 während der Schlacht um Dünkirchen. Auf dem überhasteten Rückzug vor den deutschen Truppen sammeln sich versprengte britische und französische Truppen rund um die Stadt Dünkirchen. Britische Truppen werden von den Stränden um Dünkirchen aus nach England eingeschifft, aber den französischen Soldaten wird der Zugang zu den Evakuierungsschiffen verwehrt. So irren die Soldaten orientierungslos, ohne Moral und Disziplin in den Dünen bei Zuydcoote und Bray-Dunes umher.
Der Autor Robert Merle selbst war einer von ihnen und man findet in dem Roman so viel authentisches, dass es bei der Veröffentlichung sogar zu einer Klage des hier zitierten Taxifahrers kam. Merle hatte nicht nur dessen Worte übernommen, sondern auch den echten Namen.

Jedenfalls stieß ich auf dieses Textstück bei der Lektüre und fand darin die Idee „Alles für alle und zwar umsonst“ wieder:

[...]«Ihr habt nach den Mädels gepfiffen.»

«Ja. Man pfiff nach den Mädels. Na, ich sage dir, da hat sich was getan! Wir hatten Kumpels, die haben all ihre Munition verpulvert mit den Mädels, im Wagen. So einer bin ich nicht. Solche Weiber ! lohnt sich nicht, daß man sich anstrengt. Ich saß, und das Mädel mußte sich vor mir hinknien. Ist dir das klar? Wie ein Pascha saß ich da, im Fond, und spielte den Herrn Direktor, und das Mädel kniet vor mir ! Da fühlst du, daß du ein Mann bist, verstehst du! ,Johann, Sie können fahren! Manch­mal kaufte ich mir vorher eine dicke Zigarre, grade da­für. Begreifst du das? Ich im Fond, richtig in den Pol­stern, die Zigarre in der Schnauze, wie der dicke Direk­tor mit seiner Sekretärin. Das Mädel kniet vor mir, be­greifst du das? Wie ein Generaldirektor, begreifst du das? Der Generaldirektor selbst. Und das für zehn Francs.»

«Scheint mit hauptsächlich Einbildung. Ist eigentlich nicht viel wert.»

« Zugegeben, zugegeben, entgegnete Nittel lebhaft, «aber für zehn Francs! Stell dir vor, für zehn Francs! Da gab es sogar Kumpels, die kostete das keinen Sou. Die lie­ßen die Mädels hinterher sitzen, ohne was zu bezahlen.»

«Das war ziemlich gemein.»

Nittel heftete seinen naivsten Blick auf Maillat.

« Gemein? Wieso? Gemein gegen wen? Gegen die Mä­dels? Aber solche Mädels, das muß du doch selbst sagen, was ist denn da dran! Das lohnt ja nicht, davon zu reden. Immerhin, ich hätt’ das auch nicht getan. Aber bei mir, weißt du, ist das was anders, ich hab’ meine Grundsätze.»
« Denn du mußt wissen,» fügte er nach einer Weile hinzu~ «ich bin auch bei den Pfaffen zur Schule gegangen.»

Maillat lächelte und zog ein Paket Gauloises aus der ‘Tasche: «Eine Zigarette?»

«Du wirst bald selbst keine mehr haben.»

«Nimm nur. Sie waren nicht teuer. Der Händler hat nicht gewollt, daß ich sie bezahle.»

«Nein!» rief Nittel und hörte auf zu schieben, « das ist nicht wahr!»

«Ist wahr, wie ich hier stehe.»

«Willst du mich auf den Arm nehmen?»

«Aber nein.»

«Er hat nicht gewollt, daß du sie bezahlst?»

« Nein»

«Er hat dein Geld nicht genommen?»

«Nein! »

«Na, sag’ mall Das ist kaum glaublich Er hat dein Geld nicht genommen. Der war wohl nicht ganz richtig, der Bursche?»

«Doch. Er war demoralisiert, das ist alles.»

«Demoralisiert?» fragte Nittel. «Du hast so Ausdrücke! Demoralisiert! Mir wär’s recht, sie wären alle demoralisiert, die Burschen! Das wär’ so ‘ne Sache. Da ging’ man in ‘nen Laden und sagte: Ich will das und das, und schnell!’ Man wickelt’s ein, tut dir noch schön und hoppt raus bist du, ohne zu bezahlen! Das wär’ so ‘ne Sache!*

«Dann würde man dir für deine Fahrerei auch nichts bezahlen. »

«Das könnt’ mir doch egal sein, wenn alles ohne Geld zu haben wär’. Da würd’ man’s sozusagen vom großen Haufen nehmen.»

«Und die Mädels?» sagte Maillat mit einem Lächeln. «Ebenfalls! Die Mädels umsonst. Vom großen Haufen! Man nimmt’s vom großen Haufen, die auch. Da hätten wir so’n Leben, sag’ selbst!»

«Weißt du», fuhr er fort, «vor diesem Scheißkrieg war man auch nicht unglücklich. Man war sogar glücklich, [...]

Quelle: Seiten 18+19 aus
"Wochenend in Zuidcoote"
(original: "Weekend à Zuydcoote")
von Robert Merle
1950 by Biederstein Verlag GmbH München
gebundene Ausgabe mit 273 Seiten
Da gehts lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Da geht's lang! Jean-Paul Belmondo weiß Bescheid

Außerdem wurde das Buch von Paul Dufour und Henri Verneuil im Jahr 1964 verfilmt. Jean-Paul Belmondo spielte den Julien Maillat. Der Originaltitel entsprach dem des Romans. Auf deutsch heißt der Film „Dünkirchen, 2. Juni 1940“ und wird meistens am 2. Juni im Nachtprogramm von ARTE gezeigt.
Prisma.de vergibt das Prädikat: sehenswert

Robert Merle (* 28. August 1908 in Tebessa, Algerien; † 28. März 2004 in Paris) war ein französischer Schriftsteller und Romancier. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er 1972 durch seinen Roman Malevil bekannt, der die Folgen eines Atomkrieges zum Thema hat. Daneben schrieb Merle auch eine Biografie des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro und Theaterstücke.
Bis zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan war Merle Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei.

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